...and some more reviews from this wonderful evening ...
Ein neurotischer König ist der Astrologie verfallen. Er hat Spaß an Exekutionen und Jungfrauen und liebt grünen Kräuterlikör. Oft zotig, manchmal vulgär, slapstickt sich der kleine kecke König zwei Stunden lang durch ein Stück, vor dem besorgte Tugendwächter einst warnten, es sei "nicht geeignet für Betschwestern". Sei's drum - das Regieteam von "L'Étoile" hat die Offenbacheske, schwarzhumorige Opera buffa als frivole Slapstickkomödie in einer Hotellounge angesiedelt. In der kommen und gehen Menschen, futtern Fingerfood oder fummeln im Fahrstuhl. Doch die Sterne lügen, es kommt zu Irrungen und Wirrungen. Und bietet vor allem den Gesangssolistinnen, die das schwache Öperchen adeln, viel Gelegenheit zu kokettem Koloraturgezwitscher. Simon Rattle jagt durch die Partitur, achtet dabei akribisch auf präzise, zackige Rhythmik - lässt die Staatskapelle auch mal elegisch schmachten und seufzen.
Er begleitet sängerfreundlich all die Couplets, die der Rattle-Gattin Kozena viel Gelegenheit geben, jungenhaften Charme und ihren wohltimbrierten Mezzosopran zu präsentieren.
FTD-Bewertung: 3von 5 Punkten
Dagmar Zurek in FTD - 17.05.2010
Köstliche Petitesse in Starbesetzung: Chabriers „L’Etoile“ an der Berliner Staatsoper
Ganz ohne Wagner geht es offenbar an Daniel Barenboims Haus nicht, selbst bei einer seltenen Operette: Zur offenen Verwandlung in den zweiten Akt von „L’Etoile“ erklingt nicht nur Emmanuel Chabriers Zwischenspiel, sondern auch eine entsprechend orchestrierte Bearbeitung seiner Quadrille „Souvenir de Munich“, in der Chabrier seine „Tristan“-Eindrücke tänzerisch verarbeitet.
Während das Staatsopernpublikum die Hirtenweise aus dem dritten Akt offenbar nicht gleich wiedererkennt, erfolgt ein Schmunzeln beim wiederholten, rhythmisch schwungvoll veränderten Beginn des Liebestodes. Dann allerdings bricht die Quadrille ab, wohl weil deren hinreißendes Ende, das Finale des ersten „Tristan“-Aufzuges als Cancan, von der nachfolgend fortgesetzten „Etoile“-Partitur selbst nicht zu toppen ist.
Tatsächlich konnte sich der 1841 geborene Emmanuel Chabrier als bekennender Wagnerianer leichter als seine Komponistenkollegen aus dem Dunstkreis des Bayreuther Meisters befreien. Seine 1878 am Théatre des Buffes-Parisiennes, der Triumphstätte Offenbachs uraufgeführte Opéra bouffe en trois actes brachte es daselbst auf 48 Aufführungen (was damals wenig war) und erlebte ein knappes Jahr später im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater Berlin, dem heutigen Deutschen Theater, ihre deutsche Erstaufführung. Nachdem es dann lange eher still war um diese Operette der besonderen Art, erlebt sie seit einigen Jahren zahlreiche Wiederaufführungen, nun auch erstmals an der Staatsoper Berlin.
Hatte Catulle Mendes, der Ehemann von Wagners Geliebter Judith Gautier, Chabrier mit „Gwendoline“ ein Libretto beschert, welches fast ausschließlich mit Wagnerschen Topoi arbeitet, so ist das skurril-witzige Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo frei von solchen erschwerenden Vorlagen und antizipiert deutlich Alfred Jarrys „König Ubu“. Hier heißt der König Ouf, und der will täglich an seinem Geburtstag zur Volksbelustigung eine Exekution durchführen, findet aber keinen Aufständischen. Daher erwählt er den fremden Hausierer Lazuli, welcher ihn, als unerkannten lästigen Frager, ohrfeigt. Lazuli soll gepfählt werden. Der aber hat sich in eine vorgeblich verheiratete Frau verliebt, die realiter die Prinzessin Laoula und für König Ouf bestimmt ist. Da der königliche Astrologe Sirico prognostiziert, dass Ouf laut Horoskop einen Tag nach Lazuli sterben werde, findet die Hinrichtung nicht statt. Im Gegenteil: Lazuli wird im Palast verwöhnt, flieht aber und scheint ertrunken, taucht dann doch wieder auf und erhält schließlich auch seine Geliebte. Das Sternbild hat ihn gerettet.
Diese durch allerlei Verwicklungen zwischen Diplomatie einerseits und Ouf und seinem Astrologen andererseits zusätzlich verwirrte Geschichte hat Chabrier in adäquat witzige Musik getaucht, die ihrerseits mit Zitaten und Absurditäten ein musikalisches Spiel treibt. Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ist ein Garant für die zündende Interpretation von Witz und Ironie, und die bestens aufgelegte Staatskapelle wirkt auch szenisch mit: während eines Dialogs im ersten Akt stehen alle Instrumentalisten auf, wenden sich zum Bühnengeschehen und reagieren zweimal mit dem Ausruf „Oh!“.
Durchaus gekonnt und auf Pointen setzend, siedelt die Inszenierung des amerikanischen Sängers und Regisseurs Dale Duesing die Sterne-Story heute in einem zweistöckigen Hotel mit dem Lichtschriftzug-Namen „L’Etoile“ als Einheitsspielort an (Ausstattung Boris Kudlicka und Kaspar Glarner).
Prominent und erstklassig ist die Sängerbesetzung: Magdalena Kožená in der Hosenrolle des verliebten, durch Pfählung bedrohten Lazuli, Juanita Lascarro als feministisch selbstbewusste Prinzessin Laoula, deren Stimmen sich mit Stella Doufexis als Diplomatenfrau Aloès, welche mit Tapoica, (Florian Hoffmann), einem Mitarbeiter ihres Gatten (Douglas Nasravi) fremd geht, auch zu einem herrlichen, erotischen Stöhnduett der Paare fügen. Hinreißende Rollenstudien bieten der Bariton Giovanni Furlanetto als Astrologe Siroco, dessen Überleben per Dekret an das Leben des Königs gebunden ist und der kleine, quirlige Tenor Jean-Paul Fouchécourt, der sich als skurriler König Ouf singend und spielend sein Publikum erobert. Der präzise singende und Chabriers tänzerische Pointen körperlich exakt umsetzende Chor der Staatsoper (Einstudierung: Eberhard Friedrich) tun ein Übriges für eine Top-Produktion.
Und dennoch, trotz aller Perfektion und Spielfreude, hinterlässt die letzte Premiere im Haus der Staatsoper, vor dem Umzug ins interimistisch zum Opernhaus hergerichtete Schiller-Theater, schräg gegenüber von der Deutschen Oper Berlin, einen zwiespältigen Eindruck. Und dies hängt offenbar zusammen mit der Topik des Ortes. In der Staatsoper Unter den Linden wird Chabriers Komik ernst genommen, wird seine komödiantische Partitur hochwertig aufbereitet und obendrein mit Starglanz aufpoliert, – aber theatralisch gesehen gehört diese köstliche Petitesse mit ihren gesprochenen Dialogen nicht in die Staats-, sondern in die Komische Oper, auch wenn die Besucher dort auf den brillanten Klang des französischen Originals verzichten müssten.
Das Staatsopernpublikum war anfangs durchaus irritiert, und so verließen mehrere Besucher während der knapp zweistündigen, pausenlosen Aufführung den Saal. Am Ende aber goutierten die Premierenbesucher das, was groß und teuer ist, mit entsprechendem Zuspruch.
Peter P. Pachl in nmz - 17.05.2010
Simon Rattle beschwipst Berlin
Witz, wo ist dein Stachel?
Mit einer funkelnd doppelbödigen Offenbachiade von Emmanuel Chabriers gibt Sir Simon Rattle seinen Einstand als Premierendirigent an der Lindenoper. „Ganz Berlin“ war gekommen, um sich zur Abwechslung einmal von der leichten Muse bezaubern zu lassen.
Uff, seufzt der kleine Mann mit dem leichten Spieltenor, während das Orchester seinen Auftritt mit ein paar dünnen Bläsergirlanden kommentiert, die sich wie müde Luftschlangen um seine Worte ringeln: „Ouf der Erste, ich bin's, der König!“ - und schon geht der Musik wieder der Atem aus. Doch hinter der weinerlichen Fassade dieses lächerlichen Herrschers steckt ein Monstrum an Selbstbezogenheit. Ouf I. mischt sich nämlich inkognito unter sein Volk, um letzte Vorbereitungen für seine Geburtstagsfeier zu treffen, die wie jedes Jahr mit einem öffentlichen Hinrichtungsspektakel begangen werden soll. Ein großer Plüschthron, der sich als Foltersessel entpuppt, wird in zärtlichsten Tönen gepriesen. Nur eines fehlt noch: ein Delinquent, weshalb der König in diesem Jahr bedauerlicherweise gezwungen sein wird, „einen Freiwilligen zu ernennen“.
Verflixterweise scheinen die Sterne das Schicksal des auserwählten jungen Lazuli jedoch aufs Fatalste mit denen des Königs und seines Hofastrologen Siroco verknüpft zu haben. Den hat Ouf in seinem Testament mit der „Ehre“ bedacht, ihm eine Viertelstunde nach seinem Tod ins Grab zu folgen. Denn Sirocos Prophezeiungen deuten darauf hin, dass der König bereits eine Minute nach dem Tod des Delinquenten Lazuli dahinscheiden werde.
Nach allen Regeln der Buffa-Kunst
Sir Simon Rattle hat sich an der Berliner Staatsoper Unter den Linden für Emmanuel Chabriers 1877 komponierte Opéra bouffe „L'Étoile“ starkgemacht und gibt mit der funkelnd doppelbödigen Offenbachiade am Pult der Staatskapelle seinen Einstand als Premierendirigent an dem Haus. Diese letzte Produktion der Spielzeit sollte wohl eine rauschende Abschiedsvorstellung vor dem Umzug ins Schillertheater abgeben. „Ganz Berlin“ war gekommen, um sich in der Staatsoper zur Abwechslung einmal von der leichten Muse bezaubern zu lassen. Das Stück nach einem Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo gibt das unbedingt her: ein kunstvoll instrumentierter, von schwarzem Humor getragener „Wurf“, der den aufsässigen Operettentonfall mit hinreißend komischen „Tristan“-Zitaten und Donizetti-Parodien mischt. Regie führt der Bariton Dale Duesing, der sich ganz auf die Situationskomik des Werks und auf das Darstellungstalent eines trefflich besetzten Ensembles stützt.
Rattles Ehefrau Magdalena Kozená wirft sich mit Verve und sopranistischer Leichtigkeit in die Hosenrolle des Filous Lazuli, dessen Leben durch das Horoskop eine beglückende Wendung erfährt, da Ouf I. (den Jean-Paul Fouchécourt nach allen Regeln der Buffa-Kunst darstellt) aus ureigenem Interesse fortan auf das Fürsorglichste um sein leibliches Wohlergehen bemüht ist. Zu diesem Zweck überlässt der König ihm sogar die schöne Prinzessin Laoula (auf Deutsch: „hier oder dort“), der Juanita Lascarro warmes Soprantimbre schenkt. Auch Giovanni Furlanetto in der Basspartie des Siroco und Douglas Nasrawi als Fürst Hérisson de Porc Épic (Tenorbuffo) gelingen überzeugende Charakterisierungen.
Lust an der Entgrenzung
Wenn der Abend dennoch bloß eine eher gediegen beschwipste Sekt-, denn überschäumende Champagnerstimmung erzeugte, so lag das zum einen an dem etwas einfallslosen Setting der makabren Geschichte in einem spießigen Mittelklassehotel (Bühnenbild von Boris Kudlicka), zum anderen aber auch an Rattles zwar subtiler, doch allzu leidenschaftsloser Interpretation dieser packenden Partitur. Rattle begeht nicht den Fehler, das vermeintlich Leichte nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil: Er deutet auf jede der zahlreichen kompositorischen Finessen nachdrücklich hin. Aber gerade dadurch entfaltet das Stück so viel Wirkung wie ein Witz, den man nachträglich erklärt.
Dabei müsste diese Musik getragen werden von einer gewissen Lust an der Entgrenzung. Müsste sich atemlos von einer Nummer in die nächste stürzen, ohne deshalb über dem alles grundierenden Sarkasmus die durchaus ernst gemeinten Töne der Liebe und der Verzweiflung zu denunzieren. Statt in ein Lachen getrieben zu werden, das einem im Halse stecken bleibt, lehnt man sich in Berlin kennerhaft schmunzelnd zurück. So verliert das Stück seinen Stachel. Aber vielleicht war der Abend so gemeint?
Julia Spinola in Frankfurter Allgemeine (FAZ) - 18.05.2010
Blitzen aus dem Orchestergraben
Emmanuel Chabriers "L'étoile" an der Lindenoper in Berlin
Aus dem Orchestergraben blitzte und funkelte es, Trompeten schmetterten, Piccoloflöten trillerten - so viel Schmiss war in der Staatsoper selten. Simon Rattle hatte die dunkel-warm klingende Staatskapelle in eine ebenso spritzig wie gekonnt ordinär klingende französische Opéra-comique verwandelt.
Ein kluger Schachzug, mit der ersten Premiere bei der Konkurrenz nicht mit dem Hausherrn ins Gehege kommen zu wollen, und statt der von Barenboim präferierten saftigen Opernschinken à la Wagner oder Verdi lieber einen leichten Champagner zu wählen.
Rattle konnte und hat es knallen lassen - hat gezeigt, dass Chabriers Witz, Charme und Verve mühelos mit Offenbach mithalten können, dass er ihn an Raffinesse und orchestraler Farbigkeit vielleicht sogar überbietet - ohne an Schärfe zu verlieren. Und nicht nur das Orchester ließ sich willig in diesen Strudel aus Klamauk und Sinnlichkeit hineinziehen - auch alle Sänger. Juanita Lascarro als charmant-kindliche Prinzessin, Stella Doufexis als ihre erotisch abgebrühte Kameradin und auch
Magdalena Kozena in einer wunderbar passenden Hosenrolle als Prinz Lazuli - mit Chucks, Hut und aufgesetzter Lässigkeit wirkte sie wie einer der Hipster vom Prenzlauer Berg. Und ihr sehnsuchtsvoll-weiches Timbre war reizvoller Kontrast zu den hell-perlenden Stimmen der anderen.
Prinz Lazuli ist Konkurrent, Schicksal und Nebenbuhler von König Ouf I., dessen Braut er schließlich heiratet - um die absurd-komische Handlung auf ihren kleinsten Nenner zu bringen. Und mit Jean-Paul Fouchécour als König hat man sich ein wirkliches Unikat auf die Bühne geholt. Ein Nachfahre von Louis de Funès, wie es scheint - ebenso schrullig-cholerisch wie geltungssüchtig, und - wenn man einen Sinn für diese Art Komik hat - in seiner Art irrsinnig komisch. Und auch die anderen Darsteller waren alles andere als Pappkameraden - leider aber von der Regie größtenteils dazu verdonnert. Dale Duesing hat sich von dem Feuer aus dem Orchestergraben nicht anstecken lassen und es bei einigen netten Harmlosigkeiten belassen. "L'étoile" ist vom ersten bis zum letzten Takt von Erotik durchzogen, gesteigert bis zu Gruppensex und sadistischen Fantasien. Das Pariser Publikum vor 140 Jahren verlangte danach, und bitte so realitätsnah wie möglichst, je frivoler desto besser.
Es wäre von dieser Premiere an der Staatsoper bitter enttäuscht worden - erotisches Knistern gab es auf dem Niveau von Rosamunde Pilcher, Anzüglichkeiten nur weit über der Gürtellinie. Ebenso steril das Bühnenbild, eine Hotellobby mit dem Charme des Berliner Hauptbahnhofes.
Und zum letzten Mal erlebte das Publikum bei einer Premiere den Charme des sozialistischen Rokokos - ab dem Sommer wird die Staatsoper von Grund auf renoviert, Orchester und Oper ziehen ins Schillertheater.
Und so hätten die Schlussworte der entzückenden Opernklamotte nicht passender sein können - man sang: "Nehmen Sie doch Platz meine Herren, leisten Sie uns Gesellschaft!".
Mascha Drost in dradio.de - Kultur Heute - 18.05.2010 · 17:35 Uhr
MUSIKTHEATER: Satyrspiel zum Abschied
Chabriers „L'Étoile“ ist die vorläufig letzte Premiere Unter den Linden
BERLIN - Tschüss denn, altes Haus! – Man hätte ja gern noch ein letztes Glas Pausensekt im sozialistischen Post-Rokoko der Berliner Staatsoper geschlürft, das man nach der Generalsanierung in drei plus x Jahren wohl nicht mehr wiederfinden wird, allein: es gab gar keine Pause. Simon Rattle, der als Späteinflieger gerade noch vor Toresschluss sein Lindenopern-Debüt gab, dirigierte „L'Étoile“ knapp zwei Stunden straff und mit sichtlichem Vergnügen durch. Das unmittelbar zur Sache Gehende dieser – 1877 uraufgeführten und nach mehr als 100-jähriger Ruhe von John Eliot Gardiner neu ausgegrabenen – Operette von Emmanuel Chabrier, ihr post-offenbachsches Changieren zwischen bösem Sarkasmus, ironischer Klamotte und gefühliger Lyrik lagen ihm sichtlich.
Da stellte sich ein fließender, belebter Gesamtrhythmus her, der sogar die Dialoge mit einband – was freilich nicht ohne eine adäquate Szenenarbeit des Sänger-Regisseurs Dale Duesing möglich geworden wäre. Das modernistisch unterkühlte Hotellobby-Ambiente (in diesem Falle von Boris Kudlicka entworfen) hat man zwar inzwischen schon etwas zu oft gesehen, doch ansonsten entwickelte sich die absurde Handlung um die (mutmaßliche) astrologische Verknüpfung eines Herrscherschicksals mit dem eines Straßenhändlers, das beide in bizarrer Weise voneinander abhängig macht, mit flüssigem Witz. Gute Unterhaltung, ohne dass man dem Regisseur nun geradezu bescheinigen müsste, vor Originalität zu bersten. Er greift in gewohnte Kisten, aber das mit Geschmack.
Staatskapelle und Chor gaben sich bei diesem Satyrspiel abseits von Wagner oder Strauss deftig locker, und die Solistenriege war so gewählt, dass zuerst einmal vor allem die komödiantische Action funktionierte. Selbst wenn das Sängerische eher unauffällig durchlief wie im Falle des gut anzusehenden „Nebenpaares“ Stella Doufexis und Florian Hoffmann oder jener verstiegen-wirrköpfigen Diplomaten-Knalltüte, die Douglas Nasrawi brillant auf die Bühne stellte. Giovanni Furlanettos opportunistisch-wehleidiger Astrologe Siroco kam vielleicht etwas zu klamaukig, während Jean-Paul Fouchecourt seinem ebenso kurz geratenen wie eitel aufgeblasenen Operettenkönig Ouf I. auch einige tragische Untertöne mitgab, die dem Ganzen nicht schlecht anstanden.
Schließlich das Liebespaar, bei dem sich Juanita Lascarro als Prinzessin Laoula einfach mit teenagerhaftem Charme durchsang und -spielte, während die mit viel Spannung erwartete Magdalena Kožena sich als etwas heiklerer Fall erwies: Zwar passte sie gestisch wie kostümlich (Kaspar Glarner hatte hier einen besonders guten Blick fürs Mögliche) ganz entzückend in ihre Hosenrolle, aber sie ist nun einmal keine Komödiantin. So kam ihre Gestaltung wohl sehr intensiv, aber dabei – mit hörbaren Schwächen in den stimmlichen Randzonen – oft überzogen melodramatisch herüber. Eine stilistische Einseitigkeit, die durch das Vergnügen an ihrer anrührenden lyrischen Entfaltung in der Mittellage nicht ganz kompensiert werden konnte.
Gerald Felber in Märkische Allgemeine - 18.05.2010
An Operetta as Irreverent as Its Creator
BERLIN — The composer Emmanuel Chabrier was on close terms with Impressionistic painters, even appearing as a subject in Degas’s painting “L’Orchestre” and in two portraits by Manet. Among the writers he counted as friends was Paul Verlaine, who wrote texts for him to set to music. He was known and admired by leading French composers of his time. Above all, he was an ardent Wagnerian, who, in 1880, when nearly 40, gave up his job with a government ministry after attending a performance of “Tristan und Isolde.”
With credentials like these, Chabrier could have been part of the French avant-garde. But as the Berlin Staatsoper’s delightful new production of his frothy operetta “L’Étoile” (The Star) makes abundantly clear, inspiration for his own work came from another source: Jacques Offenbach. “L’Étoile” even had its premiere, in 1877, at Offenbach’s old stomping grounds, the Théâtre des Bouffes-Parisiens.
The libretto by Eugène Leterrier and Albert Vanloo neatly observes Offenbachian protocol, even opening, like Offenbach’s 1868 work “La Périchole,” with a scene in which a royal personage, King Ouf I, roams among his subjects incognito. He is looking for someone to execute publicly and his sights land on the peddler Lazuli. But his counselor, the astrologer Siroco, frantically informs the king that he is fated to die 24 hours after the death of Lazuli, whereupon Ouf reverses himself and becomes overly solicitous of Lazuli’s good health. He even promotes Lazuli’s blossoming romance with Laoula, who unbeknownst to Ouf, is Ouf’s intended bride, a princess from a nearby kingdom brought to him by the ambassador Hérisson de Porc-Epic.
Chabrier’s tuneful score behaves much like that of an Offenbach operetta, but with distinct differences. For one, the music is in a somewhat later style, with occasional adumbrations of Jules Massenet. And the balance between sentiment and zaniness is weighted a bit more toward the former. One of the most memorable pieces is a romantic quartet — double duet, really — for Laoula and Lazuli, on the one hand, and, on the other, Hérisson’s male secretary, Tapioca, who is making advances to Hérisson’s wife Aloès. To sweet music in a waltz meter, with a prominent solo cello, the couples extol the therapeutic value of kissing.
Yet, the only truly brilliant comic piece is a duet for Ouf and Siroco, sung in the mistaken belief that Lazuli has been shot and is lying at the bottom of a lake. As the two face death — Siroco believes his life will end 15 minutes after Ouf’s — they seek solace in the liqueur Chartreuse Verte. The duet has a wonderfully morose accompaniment for winds and an instrumental ritornello that communicates both pomposity and self-pity. But “L’Étoile” cannot be called a masterpiece. I’d definitely put it a notch below the best of Offenbach’s comedies, yet I don’t begrudge its current popularity. Among other places, it turned up in the New York City Opera’s truncated season, which ended last month.
And, with Simon Rattle in the pit, it offers much pleasure at the Staatsoper. The production by Dale Duesing, a prominent American baritone who has turned to stage direction, updates the drama by setting it in a pseudo-Art Deco hotel (sets by Boris Kudlicka) called L’Étoile, as proclaimed by a neon sign. (The operetta’s title derives from a song by Lazuli, though it presumably has astrological implications as well.) The hotel lobby’s hustle and bustle gets the operetta off to a spirited beginning: as the curtain rises, we see a couple apparently arriving for a tryst, another couple having a spat, girls in short black dresses (costumes by Kaspar Glarner) presumably there on business.
Mr. Duesing also makes a choice moment of the operetta’s climax as Ouf prepares to die. The tenor Jean-Paul Fouchécourt’s short stature proves a comic asset as the king puts on an enormous ermine-trimmed robe, mounts his throne chair and, with his court assembled around him, waits for ... nothing to happen.
Mr. Fouchécourt virtually owns the role of Ouf and sings with supple tone and stylistic assurance while adding a note of petulance to the king.
Lazuli is actually a trouser role — a male character played by a female singer — and Magdalena Kozena’s light mezzo soprano and svelte appearance serve handsomely; there is even a moment when she charmingly recalls Mozart’s Cherubino, as doting women outfit Lazuli for new clothes. Juanita Lascarro turns in a nice performance as Laoula, though the part could be sung with more seductive delicacy, and Stella Doufexis brings an appealing mezzo to Aloès’s music. Giovanni Furlanetto sings with apt bluster as Siroco, with Douglas Nasrawi (Hérisson) and Florian Hoffmann (Tapioca) completing the lively ensemble.
Mr. Rattle leads an energetic performance that does not back away from the score’s more boisterous moments. After Act 1 of the three-act work (performed without intermission), he interprets Chabrier’s hilariously irreverent “Tristan” parody “Souvenirs de Munich.” Chabrier may have idolized “Tristan” but he could poke fun at it too, which probably says a lot about his personality.
GEORGE LOOMIS in The New York Times - 18.05.2010
Wunder gibt es immer wieder
OPERNPREMIERE Sir Simon Rattle dirigiert an der Staatsoper "L'étoile" von Emmanuel Chabrier, einem hierzulande unbekannten französischen Komponisten und Zeitgenossen von Verlaine und Manet
Wer die Oper liebt, ist Kummer gewohnt. Indisponierte Sänger, unmusikalische Regisseure, in Routine ergraute Dirigenten sind Alltag. Manchmal jedoch ereignet sich eine Art Wunder. Am Sonntag gab es in der Staatsoper ein solches. Als könnten sie es selbst nicht ganz fassen, standen am Ende Sir Simon Rattle, Jean-Paul Fouchécourt, Magdalena Kozena, Dale Duesing und viele andere vor dem Chor der Staatsoper, dankten dem Applaus, ein Lächeln des schieren Glücks im Gesicht.
Wunder dieser Art sind nicht das Ergebnis grandioser Einzelleistungen, sie kommen zustande durch glückliche Zufälle, durch das Zusammenspiel von Individuen, Talenten und Stimmungen, die sich vereinigen in einem flüchtigen Ereignis. Es ist das Ereignis der absoluten Kunst, das enthüllt, was hinter dem Werk, seiner Botschaft und auch seiner Aufführung steht, das also, was es selbst ist, abgesehen von seiner Bedeutung für andere. Plato hätte es die Idee genannt, und so gesehen hat sich die Staatsoper zum Ausklang der Saison und am Vorabend ihres Umzugs in das Provisorium des Schiller Theaters nichts weniger gegönnt als die Idee der Oper.
Natürlich war der Applaus einhellig und endlos, denn die Idee der Oper ist ganz einfach. Oper ist Unterhaltung, Musik, Tanz, Theater, und große Show. Emmanuel Chabrier verstand sich glänzend auf diese Kunst. Proust-Leser mögen seinen Namen kennen, in Deutschland ist seine Musik fast unbekannt.
Debussy, Ravel und Strawinsky haben ihn verehrt, er war befreundet mit Verlaine und Manet. Am 28. November 1877 wurde seine Oper "L'étoile" in Paris uraufgeführt, dort also, wo sich die Reichen und Eleganten der Belle Époque zu treffen pflegten. Es gefiel ihnen nicht schlecht, manche aber fanden seine Musik etwas seltsam.
Das ist sie wirklich, denn unter der Hülle zeittypischen Frohsinns steckt ein unvergleichliches Meisterstück. Man muss es nur so spielen, wie Rattle es vormacht - vom ersten Takt an: Es geht los im Schnellgalopp, und man spürt geradezu, wie die Staatskapelle losrennen möchte. Aber Rattle bremst auf ein sehr moderates Allegro herunter, und schon gewinnen die nur scheinbar trivialen Floskeln dieser Ouvertüre eine Kraft und innere Spannung, die während der ganzen zwei Stunden der Aufführung nie mehr nachlassen wird. Wie im Fieber rauschen die drei Akte ohne Pause vorbei, in ständigem Wechsel von Chansons, Ensembles, Tänzen, Chören und Dialogen.
Ein atemloser Tanz rhythmischer und harmonischer Überraschungen im Orchester begleitet Singstimmen, deren Kunst allein ein abendfüllendes Vergnügen wäre. Magdalena Kozena in der Hosenrolle eines schnöseligen Pariser Straßenhändlers zählt zu den wichtigsten Liedinterpretinnen der Gegenwart, Jean-Paul Fouchécourt als komplett blödsinniger König Ouf I. steht am Höhepunkt seiner dritten Karriere: Er war Saxofonist, dann Dirigent, bevor er als Sänger barocker Opern mit so gut wie allen namhaften Ensembles für Alte Musik zusammengearbeitet hat. Dazu Stella Doufexis, gewissermaßen ausgeliehen von der Komischen Oper, wo sie jeweils die gewichtigsten Hauptrollen übernimmt.
Alles klingt ganz selbstverständlich, mal ordinär, meistens ironisch und grotesk, selten auch ein bisschen lyrisch, was an der Handlung liegt: eher eine Farce als eine Komödie um einen Fantasiekönig, der gern einen Delinquenten pfählen würde, von seinem Astrologen daran gehindert wird und die Prinzessin, die ihm versprochen wurde, auch nicht heiraten kann, weil der Straßenhändler sie kriegt. Es gibt kein Äquivalent im Deutschen für diese Art des bis zur Pornografie erotisierten Amüsiertheaters, und so hat sich Dale Duesing nicht herumgequält mit aktualisierenden Deutungen. Stattdessen hat er sich von dem Bühnenbildner Boris Kudlicka ungefähr die Eingangshalle des "Grand Western" an der Friedrichstraße nebenan nachbauen lassen, womit sich die Frage nach Ort und Zeit des Stücks erübrigt. Ebenso gut hätte Duesing selbst mitsingen können: als gefeierter Bassbariton bedient er im Hauptberuf praktisch das gesamte Opernrepertoire. Vielleicht ist das Wunder ja doch keines, sondern nur Musik für Musiker.
Ein atemloser Tanz rhythmischer und harmonischer Überraschungen
KLAUS HABLÜTZEL in taz - 18.05.2010
Michael