Welcome! Log In Create A New Profile

Advanced

"L'Etoile" at Staatsoper Berlin

Posted by Jana Heinig 
"L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 06, 2010 05:04PM
from the "Tagesspiegel" Berlin, Ausg. 29. 04. 2010, Beilage "Spielzeit"

Rendezvous im Hotel d’Amour

STAATSOPER Gemeinsam mit ihrem Mann Simon Rattle hebt Magdalena Kozena einen Schatz: Emmanuel Chabriers burleske Oper „L’Etoile“

Die Handlung ist wirklich abenteuerlich: König Ouf I. will sein Volk mit einer öffentlichen Hinrichtung erfreuen. Doch es findet sich einfach kein geeigneter Kopf-ab-Kandidat. Also mischt sich der Landesvater inkognito unters Volk, um einen Untertanen zur Majestätsbeleidigung zu provozieren. Beim Straßenhändler Lazuli hat er Glück. Lazuli ist wütend, weil die Frau, die er liebt, einen anderen heiraten soll. Dass sein Konkurrent der König ist, ahnt er indes nicht, weil auch die Angebetete, Prinzessin Laoula, in bürgerlicher Verkleidung steckt. Rechts und links verpasst er seinem Monarchen also zwei saftige Watschen, als der ihn frech anmacht. Ouf nimmt’s gelassen, denn nun hat er ja ein Opfer gefunden – da erklärt ihm sein Astrologe, jener Lazuli sei sein Sternenzwilling – weshalb der König ihn höchstens um einen Tag überleben werde. Daraufhin wird Lazuli wie ein Staatsgast im Palast empfangen. Und so weiter, drei heitere Akte lang.

Sie hat die Hosen an

Emmanuel Chabriers 1877 uraufgeführte Opéra Bouffe „L’Etoile“ wird in Künstlerkreisen als Meisterwerk des komischen Musiktheaters geschätzt. Live auf der Bühne ist das Stück dagegen höchst selten zu erleben. Es sei denn, ein Star macht sich persönlich für eine Inszenierung stark. So wie jetzt Simon Rattle: Dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ist es tatsächlich gelungen, die Staatsoper Unter den Linden dazu zu überreden, „L’Etoile“ aufs Programm zu setzten. Der Brite wird höchstselbst am Pult stehen, die Haupt- und Hosenrolle des Lazuli übernimmt seine Gattin, die Mezzosopranistin Magdalena Kozena.

Zumindest bei ihr brauchte Rattle nicht lange für das Werk zu werben. Denn die 1973 geborene Tschechin beschäftigt sich seit Beginn ihrer Karriere intensiv mit der französischen Operntradition (aktuell hat sie bei der Deutschen Grammophon allerdings gerade eine CD mit tschechischer Musik veröffentlicht). Der Dirigent Marc Minkowski hatte die blutjunge Sängerin entdeckt und führte sie zunächst in die barocke Klangwelt von Rameau und Lully ein. In Claude Debussys Oper „Pelléas und Mélisande“ wurde Magdalena Kozena weltweit gefeiert, Maurice Ravels „L’Entfant et les Sortilèges“ hat sie erst kürzlich mit Rattle und den Philharmonikern aufgenommen.

Und weil sie auch mal eine Zeit lang mit dem französischen Bariton Vincent Le Textier verheiratet war, geht ihr die schwierige romanische Sprache wirklich mühelos über die Lippen. „Es dauert lange, bis man das Nasale des Französischen beherrscht“, erklärt sie. „Dann aber kann man auf eine viel differenziertere Weise mit Klangfarben arbeiten, den Text viel flexibler gestalten als im Italienischen, wo alles auf die Schönheit der Gesangslinie ausgerichtet ist.“

Beim Treffen in einer Probenpause wirkt die sonst so zurückhaltende Tschechin ganz gelöst. Sie freut sich sichtlich auf die Produktion. Nicht allein, weil sie Seite an Seite mit ihrem Mann arbeiten kann, sondern auch, weil ein Sängerkollege die Inszenierung übernommen hat: Dale Duesing, der amerikanische Bass, erarbeitet sich parallel zu seiner Arbeit on stage eine Zweitkarriere als Regisseur. Auf der Probebühne der Staatsoper in der Heidstraße hinterm Hamburger Bahnhof versucht er nun, Emmanuel Chabriers Humor in sprechende Bilder zu übersetzen.

„Was Dale mit dem Chor anstellt, ist wirklich lustig“, verrät Magdalena Kozena. Die Handlung ist in ein Nobelhotel verlegt. Hier bewohnt der Operetten-Monarch eine Suite, die Damen tragen Haute Couture, und die Choristen wuseln als dienstbereite Angestellte durch die Kulissen. „Der Chor soll in unserer Inszenierung nicht als Masse auftreten, sondern sich in viele Individuen aufteilen. Zwischendurch aber finden sich dann auch alle zusammen, um ziemlich verrückte Grotesktänze aufzuführen.“ Kozenas Hosenrolle ist dagegen eher eine beobachtende: Als Mann aus dem Volk findet Lazuli das Treiben der feinen Gesellschaft befremdlich. „Ich bin eine ehrliche Haut, sage immer alles so, wie ich es gerade empfinde, während alle anderen um mich herum ihre Intrigen spinnen. So entstehen erhellende Kontraste zwischen dem Absurden und dem Normalen.“

Kostbare Stimme

Dass ein Sänger hinterm Regiepult sitzt, ist für die Darsteller insofern von Vorteil, als Dale Duesing ganz genau weiß, was er seinen Kollegen zumuten kann. „Wenn ein Sprechtheater-Regisseur Oper macht, ist er anfangs oft irritiert, dass die Solisten im Probenprozess ihre Stimme schonen wollen“, berichtet Kozena. „Von seinen Schauspielern ist er es gewohnt, dass sie den ganzen Tag lang volle Power geben können. Wir aber müssen zwischendurch auch mal ,markieren’, indem wir die Gesangslinie nur leise andeuten, um unsere Kräfte nicht vorzeitig zu verschleißen.“

Die Berliner dürfen sich übrigens darauf freuen, Magdalena Kozena künftig noch häufiger auf den Bühnen der Hauptstadt zu erleben. Ihr älterer Sohn wird nämlich im kommenden Jahr schulpflichtig. Folglich kann sie ihn nicht mehr, wie gewohnt, auf ihre Gastspiele mitnehmen. Umso lieber wird sie Angebote annehmen, zu denen sie von ihrer Wohnung in Schlachtensee ohne Zug oder Flugzeug gelangen kann. FREDERIK HANSSEN
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 08, 2010 05:55PM
Thank you Jana for this informations. Here are the first photos from this opera.

[www.staatsoper-berlin.de]

Go to "Pressefotos Premieren" and "L'etoile"

Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 13, 2010 06:32PM
First reviews:

* from "Tagesspiegel", 18. 06. 2010 / Frederik Hanssen

Bube, Dame, König – krass

Wenn’s Nacht wird in Paris. Boris Kudlicka schuf das Hotel-Bühnenbild. Foto: Marcus Lieberenz

An der Staatsoper entdecken Magdalena Kozena und Simon Rattle Emmanuel Chabriers „L’étoile“

Sie hatten wirklich Spaß damals, im „Cercle des Mirlitons“, dem Künstlertreff an der Pariser Place Vendôme: Sicher, 1871 war der Krieg gegen die Deutschen verloren – aber gerade in der Musik entpuppte sich das Scheitern als Chance. Angefacht vom nationalen Selbstbehauptungswillen konnten sich die Komponisten endlich von den übermächtigen rechtsrheinischen Vorbildern lösen, von Beethoven und Wagner. Der „Cercle“ wurde zum Treffpunkt der Bewegung, hier konnte sich der esprit français frei entfalten, hier experimentierten arrivierte Staatsschauspieler, Kabarett-Girls und aufstrebende Tonsetzer mit neuen Formen. Emmanuel Chabriers Operette „L’étoile“, die Simon Rattle und seine Frau, die Mezzosopranistin Magdalena Kozena, am Sonntag an der Staatsoper herausgebracht haben, ist eine der schönsten Früchte dieser belle époque der Pariser Kulturgeschichte.

Chabrier, der untersetzte Kerl aus der Auvergne, der tagsüber als Beamter im Innenministerium schuftete, war immer mittenmang, wenn es darum ging, die Macht der Musik zu feiern. Seine Heiterkeit, seine Selbstironie, seine Neugier bescherten ihm viele Freunde unter den Avantgardisten. Manet und Degas malten ihn, Baudelaire und Verlaine lieferten Texte, Debussy, Ravel und selbst Strawinsky schätzten ihn als einen Großen ihrer Zunft.

Dennoch gelang Chabrier bis zu seinem Tod 1894 nur ein einziger dauerhafter Erfolg: Sein Sechsminüter „Espana“ ist das vielleicht am elegantesten instrumentierte Stück Unterhaltungsmusik überhaupt. Es gehört bis heute zum Kernrepertoire und wurde mit dem Text „Wenn die Rosen erblühen in Malaga“ sogar in Deutschland zum Schlagerhit. Als Bühnenautor war er ein echter Pechvogel: Kaum spielte man in Brüssel seine „Gwendoline“, ging das Theater pleite. Die Pariser Opéra Comique brannte nach der dritten Vorstellung seines „Roi malgré lui“ ab. Die Erfolgsserie von „L’étoile“ wurde am 49. Abend jäh unterbrochen, da der Intendant der Bouffes-Parisiens den Librettisten des Stücks ab der 50. Aufführung deutlich erhöhte Tantiemen hätte zahlen müssen.

Es wäre eine lohnende Investition gewesen. So aber ließ die Knauserigkeit des Theaterleiters das Stück zu einem Mythos unter Musikern werden, einem Meisterwerk, dessen Namen (und Klavierauszug) man von Generation zu Generation weiterreichte. Dass sich Simon Rattle für den schwarzen Humor des Textes wie die musikalischen Gags der Partitur begeistern konnte, verwundert nicht. Also schlug der Chef der Berliner Philharmoniker kurzerhand „L'étoile“ vor, als ihn die Staatsoper bat, sich etwas für die letzte Premiere Unter den Linden vor dem Umzug ins Schillertheater auszusuchen. Und weil Sir Simon so ein reizender Mensch ist, lässt Daniel Barenboims Staatskapelle für ihn tatsächlich einmal ihren dunklen, deutschen Traditionsklang fahren: Lässig und lärmig, auf raffinierteste Art vulgär hebt die Ouvertüre an, mit dumpfer Pauke und scheppernden Becken, zu denen sich bald Triangel und Piccoloflöte gesellen, mit frechen Trompeten, die die Stimmung aufputschen, bis alles in den obligatorischen Cancan-Taumel mündet. Ästhetisch, das macht Rattle deutlich, ist Emmanuel Chabrier 1877 eine Generation weiter als Jacques Offenbach, setzt die Orchesterfarben viel differenzierter ein als der Operetten-Urvater, schlägt in den lyrischen Passagen sensiblere Töne an, webt die Stimmen feiner in den Ensemblenummern – um dort, wo’s am Platze ist, auch wieder richtig loszurumpeln.

Auf der Bühne finden sich erste Kräfte des seriösen Fachs zusammen, um Simon Rattle bei seinem musikalischen Spaß zu unterstützen: Juanita Lascarro ist eine hinreißend naive Prinzessin Loula, Stella Doufexis gibt ihre zynische Freundin Aloès. Bei Jean-Paul Fouchécourts König Ouf meint man den französischen Präsidenten Sarkozy vor sich zu haben, gespielt von Christoph Waltz. Zum Herzbuben des Abends aber wird Magdalena Kozena in der Hosenrolle des Lazuli: Zwischen all den Knallchargen ist sie der einzige normal denkende Mensch. Mit rückhaltlosem stimmlichen Einsatz zeichnet sie das Porträt eines liebenden Jünglings, der – angetan mit der aktuellen Teenager-Uniform aus Röhrenjeans, Chucks und Pepitahütchen – eine betörende metrosexuelle Anziehungskraft verströmt.

Schade nur, dass Regisseur Dale Duesing das erotische Potenzial des Stücks so unterspielt. Dass er aus der promisken Vorlage eine adrette Abendunterhaltung macht – hübsch anzusehen, aber absolut keimfrei wie das Hotel-Bühnenbild von Boris Kudlicka. So bieder aufbereitet hätte selbst Anneliese Rothenberger Chabriers politisch wie sexuell unkorrektes Meisterwerk in ihrer legendären TV-Show präsentieren können. Von einer historischen Aufführungspraxis, wie sie der Musikwissenschaftler Kevin Clarke schon lange für die Operette einfordert, ist dieser interpretatorisch vertändelte Abend Lichtjahre entfernt. Theater wie die Bouffes-Parisiens waren einst deshalb so beliebt, weil die im Korsett bürgerlicher Moralvorstellungen gefangenen Zuschauer hier Dampf ablassen, sich ihren schmutzigsten Fantasien hingeben durften.

Wie bei jeder guten Operette lässt sich die Handlung in einem Satz zusammenfassen – der Straßenhändler Lazuli spannt König Ouf I. die Braut aus und wird vom gehörnten Monarchen am Ende sogar zum Thronfolger ernannt – und doch ist die Story letztlich unerheblich, da sie nur als Gerüst für eine Abfolge von aberwitzigen oder anzüglichen Sketchen dient. In denen geht es bei Chabrier zwar auch um depperte Könige, ahnungslose Astrologen, unfähige Diplomaten oder die heilsame Wirkung der „grünen Chartreuse“, des Schnapses aus der zentralfranzösischen Heimat des Komponisten. Im Zentrum aber steht die Fleischeslust, die in all ihren verbotenen Spielarten durchdekliniert wird: Da wollen zwei adlige Ladies einen schlafenden Proletarier „wachkitzeln“ (was besonders pikant ist, da es sich hier ja um die verkleidete Mezzosopranistin handelt). Da lässt sich das erste Finale problemlos als sadistische Analsex-Szene lesen, da beginnt der zweite Akt mit dem Auftritt liebestoller Choristinnen, gefolgt von Couplets, die das Vergnügen eines Seitensprungs verherrlichen. Im Quartett stöhnen zwei Paare beim Kussduell um die Wette, Aloès rät der Prinzessin zur Ex-und-hopp-Taktik der Vielliebhaberei, und Ouf will im Angesicht des Todes noch schnell ein Kind zeugen. Der widerstrebenden Laoula erklärt er, sie könne sich als Witwe ja sofort den nächsten Kerl an Land ziehen. Bube, Dame, König: krass.

In der Produktion der Staatsoper ist nichts davon zu sehen. Immerhin kann man sich hier hemmungslos an der spritzigen Musik erfreuen. Oder man nutzt den Abend für ein Doktorspielchen mit seinen eigenen Gedanken: Macht euch doch schon mal frei.

* from "Neues Deutschland" 18. 05. 2010 / Irene Constantin

Besser bissig
»L'Etoile« an der Staatsoper Berlin
Stella Doufexis (l.) als Aloes, Magdalena Kozena als Lazuli
Foto: Drama

Eine luxuriöse Petitesse dieses Angebot der Berliner Staatsoper als letztes Spiel, bevor sie ihr Haus Unter den Linden zur Großrenovierung schließt. Simon Rattle am Pult der Berliner Staatskapelle ließ seine Ehefrau Magdalena Kozena im leichten französischen Stil von Emmanuel Chabriers komischem Operchen »L'Etoile« (Der Stern) glänzen.

Sie singt den anfangs etwas windigen, später heftig verliebten Straßenhändler Lazuli, unterwegs in Sachen Schönheitspflästerchen, Puderquasten, Haarfärbe-Elixiere. Er strandet im Reich des Königs Ouf I., dessen Hochzeit gerade unter größter Geheimhaltung, sprich extrem wirrer Wirklichkeitsferne vorbereitet wird. Knapp einer zwecks Volksbelustigung anberaumten attraktiven Pfählung entronnen, wird Lazuli im nächsten Moment die königliche Braut, natürlich seine große Liebe, buchstäblich in den Arm gedrückt, kurz darauf verschafft ihm ein Kanonenschuss während einer Bootsfahrt die Gesellschaft von Frosch und Fisch und schließlich wird alles gut.

An diesem merkwürdigen Gang der Dinge sind grüner und gelber Klosterschnaps sowie eine unpräzise Berechnung des königlichen Hofastrologen beteiligt, die besagt, dass König Oufs Sterne mit Lazulis untrennbar verbunden sind, das heißt, sein Leben wird Lazulis Erdentage nicht mehr als 24 Stunden überdauern.

Dieser Stoff passt haargenau zum musikalischen Talent Emmanuel Chabriers. Er war Jurist und Musiker aus Leidenschaft, er galt als »Engel des schrägen Humors« und muss ein besonderes Talent zur Freundschaft gehabt haben. In seinem Haus traf sich, was zukünftigen Rang, umstrittene Namen und treffenden Witz in der Kunstwelt seiner Zeit (1841–1894) hatte; impressionistische Maler – Manet starb in seinen Armen – der Dichter Verlaine, der Karikaturist Detaille, der Musiker d'Indy. Er war ein Wagnerianer der ersten Stunde, aber sein eigenes musikalisches Nähkästchen hat er im Théâtre des Bouffes-Parisiens bei Offenbach bestückt.

Mit dem luftigen Schwung einer Offenbachiade beginnt denn auch »L'Etoile«. Aber der Unterschied ist alsbald evident. Chabriers Witz ist nicht bissig, sondern charmant, manchmal sogar ein wenig treuherzig. Simon Rattle fand dafür mit der sehr, gelegentlich sogar übertrieben präsenten Staatskapelle einen perfekt passenden Ton, man hörte den angeschärften wie den leichtflüssigen Chabrier, man konnte der Lust des Komponisten an Zitaten nachlauschen – Tristan, die Barcarole, eine Prise Gounod – oder sich einfach an der Helligkeit und melodischen Gewandtheit einer heiteren französischen Oper erfreuen.

Freilich, je schräger und/oder bissiger, desto besser war das Stück. Da geht ein geheuchelter Mitleidschor gnadenlos in einen heftigen Cancan über, ein hemmungsloses Liebesduett mit viel ahhh und ohhh weitet sich heimlich zum Quartett und grüßt auch noch ganz freundlich Tristan und Isolde, auch das königlich/astrologische Saufduett mit »Chartreuse vert« und »Chartreuse jaune« macht Appetit.

Magdalena Kozena konnte ihre schöne Stimme vielfältig präsentieren, lyrisch, frech, in Ensembles, solistisch leuchtend. Auch für die übrigen Partien waren allererste Sänger eingesetzt, durchweg barockerfahren und damit geschmeidig, rein und genau im Gestus: Jean Paul Fouchécourt als gernegroßer König Ouff, Juanita Lascarro als lyrisch-unentschiedene Prinzessin Laoula und Stella Doufexis als diplomatische Diplomatengattin Aloes waren die besten der sehr homogenen Besetzung.

Regisseur Dale Duesing hat die Oufische Hofhaltung in ein Hotel mit Leuchtdioden-effektvoller Drei-Sterne-Ausstattung (Boris Kudlicka) verlegt. Dort sitzt eine Horde Zeitungsleser und lässt den König bei seinem Inkognito-Ausflug unters Volk nicht aus den Augen, und dort geschieht auch alles andere. Genau genommen geschieht leider recht wenig; der Sänger-Regisseur Duesing ist zu nett zu seinen Kollegen. Rampensingen sollte, zumal in einer Komödie, nicht der Regieweisheit letzter Schluss sein. Das Liebes-Quartett, die Wachkitzel-Szene, und vieles mehr, auch einige Möglichkeiten des bestens aufgelegten Chores, wurden verschenkt. Auf der Bühne leuchtete der »Stern« zu fade, sehr sehr schade.



Edited 1 time(s). Last edit at 05/17/2010 05:36PM by Jana Heinig.
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 17, 2010 10:49PM
Another review from Klaus Geitel in Berliner Morgenpost:

Premiere "L'étoile"
Mit Sir Simon zum Abschied ins Hotel

Mit einer letzten Premiere vor dem Umzug ins Schiller-Theater hat sich das Staatsoper-Ensemble von seinem Stammhaus Unter den Linden verabschiedet. Auf dem Programm: die Oper "L'étoile" von Emmanuel Chabrier. Ausnahmsweise am Dirigentenpult: Sir Simon Rattle. Das Publikum jubelte.

Ein dahingelächelter Abschied: die gefeierte letzte Premiere vor dem Umzug der Staatsoper Unter den Linden ins Schiller-Theater. Auf dem Programm: „L'étoile“ von Emmanuel Chabrier, ein dreiaktiges Operchen zum Schmunzeln, musikalisch geistreich, unternehmungslustig, versonnen, in jeder Beziehung doppel- und sogar tripelbödig. Ein Genuss ohne Reue, von Sir Simon Rattle, ausnahmsweise am Pult der Staatskapelle Berlin, seiner Frau, der großartigen Mezzosopranistin Magdalena Kozená liebevoll zu Füssen gelegt. Er beschert Berlin mit vereinten Kräften das immer wieder gern gehörte musikalische Familienglück. Die Rattles entführen ins Hotel „L'etoile“.

Chabrier, 1841 geboren, fand die lebhaftesten Bewunderer seiner Kunst unter Kollegen. Das ist selten. Selbst der ungemütlich meckerfreudige Debussy fand an ihm wenig auszusetzen. Ravel gestand sogar offen von keinem anderen Musiker mehr gelernt zu haben als von ihm. Francis Poulenc hat sogar ein ganzes Buch zum Ruhme Chabriers geschrieben. Nur das Publikum hat ihn niemals aus vollem Herzen mitgelobt. Wahrscheinlich war ihm Chabrier ganz einfach musikalisch zu erfinderisch: ein komponierender Fabulierer, alles andere als anpassungsfreudig, dafür aber mit Herz und Verstand. Kurzum: ein Komponist zum Mitdenken. Solchen höchst verdächtigen Leuten geht man bis heute gern aus dem Wege.

Ein aufmüpfiges Vorspiel
Nicht so Sir Simon Rattle. Er hat sich von jeher spürsinnig auf die Seite der künstlerisch Angezweifelten geschlagen und ihre Kunst leuchtend und einleuchtend durchzusetzen verstanden. Gleich mit den aufmüpfigen ersten Takten des Vorspiels weist er nachdrücklich den Weg zu Chabrier.

Als Zwischenspiel nach dem ersten der drei kurzen Akte (das Stück spielt pausenlos gerade mal knapp zwei Stunden) fügt er außerdem in einer Orchesterfassung das „Souvenir de Munich“ ein, das Chabrier für Klavier zu vier Händen geschrieben hat: ein witziges musikalisches Notenblatt, liebevoll und gleichzeitig ironisch abgespickt von Wagners „Tristan und Isolde“.

Eine „musikalische Missetat von zweifelhaftem Geschmack“ hat es Alfred Cortôt schlichtweg genannt. Heutzutage kichert man beim Anhören der angekreideten Entgleisung eher amüsiert vor sich hin. Sir Simon weiß schon genau, was er tut. Er gibt musikalisch dem Affen Zucker, ohne sich darüber selber zum Affen zu machen. Er sät ringsum feinstes Vergnügen. Von einer „Operette“ mag man bei diesem „Etoile“ gar nicht sprechen. Rattle weiß seinen Chabrier, wie es sich gehört, rundum zu adeln – und die Staatskapelle stimmt ihm dabei nachdrücklich zu.

Auch sonst gibt sich „L'étoile“ angekichert. König Ouf der Erste, von Jean-Paul Fouchécourt witzig hingewieselt, liebt es, seinem Volk um den Bart zu gehen. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag lässt er einen x-beliebigen Delinquenten öffentlich hinrichten. Das macht erfahrungsgemäß aller Welt Spaß. Nur muss man zunächst ein solches Schlachtopfer suchen und finden. Ein eher mühseliges Geschäft.

Zum Glück stößt Uff diesmal auf Lazuli, der sich den Künstlernamen Magdalena Kozená zugelegt hat. Sie wird in der Folge auch noch als eleganter Gentleman, dann als schmucker Hotelpage auftreten, und immer erneut zu entzücken verstehen. Sie ist mit Leib und Seele und der wunderbar ausdrucksreichen, eindringlichen Stimme bei der tolldreisten Sache. Die Hosenrolle sitzt überdies ihrem schmalen, wendigen Körper wie angegossen. Nun verliebt sich dieser Lazuli von der Straße, wie das in Komödien halt so spielt, ausgerechnet in die junge schöne Prinzessin, die man für Ouf den Großen als künftige Königin ausgesucht hat. Das kann natürlich nicht gut gehen, und damit das auch prompt geschieht, werden ein paar Stolpersteine in der Handlung benötigt. Der letzte ist reichlich nass.

Flucht unter Kanonenbeschuss
Das Boot, mit dem die unstandesgemäß Liebenden fliehen wollen, wird beschossen. Es macht einen Riesenbumm – und die arme Prinzessin darf sich vorschnell als Witwe fühlen. Ihr Lazuli ist, mir nichts, dir nichts, unauffindbar im Wasser verschwunden. Doch natürlich taucht die unersetzliche Magdalena Kozená alsbald wieder auf. Schließlich kann sie die Bühne ja den Kolleginnen nicht allein überlassen.

Denn die sind innerlich wie äußerlich, vor allem aber künstlerisch durchaus nicht von schlechten Eltern. Zumindest sind sie herzhaft komödientauglich: die unternehmungslustige Stella Doufexis, der man lieber nicht im Fahrstuhl begegnen sollte, so schön sie auch singt. Mitunter reißt sie allerdings damit offenbar sogar den Männern die Kleider vom Leibe. Juanita Lascaro, der liebesverhexten Prinzessin, fällt die anheimelnd lyrische Partie zu, und sie singt sie mit innigem Glanz.

Als Regisseur hat Sir Simon seinen Freund Dale Duesing mitgebracht, dessen Inszenierung auf ihre brave Art keiner einzigen Note im Wege steht. Denn auf die kommt es schließlich vor allem an. Das weisen auch Giovanni Furlanetto und Douglas Nasrawi singend nach. Boris Kudlicka hat die elegante Hotelhalle gebaut, in deren Fahrstuhl sich die Inszenierung, ohne je stecken zu bleiben, wie von allein mühelos in den umjubelten Erfolg transportiert.



Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 18, 2010 09:26AM
* from "Berliner Zeitung", 18. 06. 2010 / Peter Uehling

Bouffe mit Ouf und Laoula
Letzte Premiere vor dem Umzug: Emmanuel Chabriers "L'étoile" an der Staatsoper

Es falle uns der Abschied leicht! Die letzte Premiere der Staatsoper Unter den Linden vor Umbau und Umzug ins Schiller-Theater schlägt keine sentimentalen Töne an, sondern ist von umwerfendem musikalischem Charme und schönstem Witz. Emmanuel Chabriers "L'étoile" schlägt man wohl zuweilen dem Genre Operette zu, aber man weckt damit Assoziationen von Kitsch, schwachbrüstigem Humor und musikalischer Dürftigkeit. Derartiges muss niemand befürchten, der schwankt, ob er sich diese am Sonntag vorgestellte Produktion ansehen soll; der Besuch der nächsten Vorstellungen ist unbedingt zu empfehlen. Das Stück wird, zumindest in der nächsten Saison, nicht auf die Bühne des Schiller-Theaters mitgenommen.

"L'étoile" steht für ein Musiktheater von anarchischer, aber zugleich intelligenter Komik, das in Deutschland leider nie entstanden ist. Schon angesichts der Geschichte hätten deutsche, von ihrer überzeitlichen Bedeutung durchdrungene Komponisten die Nase gerümpft. König Ouf der erste braucht einen Delinquenten für das jährliche Hinrichtungsamüsement und hört sich inkognito in seinem Volk um, ob nicht jemand schlecht über ihn redet - und zieht enttäuscht ab, als das vorsichtig gewordene Volk ihm sagt, er sei ein ganz großartiger Monarch. Zwei Männer und zwei Frauen reisen an, ein Diplomat samt Frau und Sekretär und eine Prinzessin namens Laoula, die dem Ouf vermählt werden soll. Aber weil der Diplomat ein Diplomat ist, reisen sie unerkannt.

Tatsächlich besteht der Diplomat vor allem deswegen auf Diplomatie, weil er sich so als Gatte der Prinzessin ausgeben kann, seine wirkliche Gattin hält sich derweil mit seinem Sekretär schadlos. Nun gibt es aber jemanden, der sich wirklich in Prinzessin Laoula verliebt hat: den Stadtstreicher Lazuli. König Ouf kommt ihm just in dem Moment in die Quere, als er gerade von der "Ehe" zwischen Laoula und dem Diplomaten erfahren hat, und in einer Aufwallung schlechter Laune gibt er dem Regenten eine Ohrfeige. Der hätte damit sein Hinrichtungsopfer endlich gefunden - würde ihm nicht sein Astrologe sagen, dass die Sterne das Schicksal Oufs an das Lazulis gebunden hätten: Ouf muss einen Tag nach ihm sterben - und eine Viertelstunde nach dem König der Astrologe. Sofort kümmert sich der König rührend um den Stadtstreicher und gönnt ihm, was immer er will, auch die Frau - aber da gerät er mit seinen Heiratsplänen in Konflikt.

Chabriers Opéra bouffe benötigt keinen großen Hintersinn, ihr Gehalt sind die absonderlichen Situationen, zu denen die verdrillte Handlung führt: Zu Kitzelduetten, zur Vorführung eines Hinrichtungsstuhls, der sein Opfer durch das Rektum hindurch pfählt, zum chorischen Cancan auf die Worte "Il est mort" ("Er ist tot"winking smiley, zum jämmerlichen Trinkduett des Königs und des Astrologen, die Lazuli erschossen glauben und ihr eigenes Ende nah - Chabrier gestaltet es unter Klarinettendudeln und Posaunenakzenten als kennerhaftes Abwägen der Vor- und Nachteile des grünen Chartreuse gegen den gelben.

Solche situativen Zuspitzungen konnte Chabrier gestalten wie kaum ein anderer. Der Komponist war ein akademiefeindliches Original, Wagner verfallen wie alle französischen Komponisten seiner Generation und dennoch stark genug, dem Meister aus Deutschland nie die Herrschaft über seine Musik zu erlauben. Chabrier bevorzugte kurze Formen und scheute nicht vor banalen Einfällen zurück, die er mit einfachsten Handgriffen veredelte. "L'étoile" enthält haufenweise schmissige Melodien, die mit einem überraschenden Akkord, einem kleinen Kontrapunkt oder einer unerwarteten Erweiterung des Phrasenschemas originell werden. Simon Rattle, der seine erste Premiere an der Staatsoper dirigierte, arbeitete solche Details liebevoll und fast schon überdeutlich heraus. Rattles Überdeutlichkeit hat nicht nur eine mitreißend vitale Wirkung, sie hilft zudem uns, die wir Chabrier noch kaum kennen, auf seine Besonderheiten zu hören. Auf der klanglichen Seite verleiten die Deutlichkeit, die phrasierend aufgezogenen Crescendi, die brillanten Orchesterfarben die Staatskapelle zu einem zwar ungemein klangschönen, aber nicht unbedingt leichten Spiel.

Die Sänger bringt das zuweilen in Bedrängnis, Juanita Lascarro als Laoula lässt sich davon zum Strapazieren ihres lieblich gurrenden Materials verführen, auch Stella Doufexis als Diplomatengattin klingt leicht forciert. Stimmlich überragt Magdalena Kozena als Lazuli alle anderen: Was für eine Wärme liegt in ihrer ersten Arie an Laoula, wieviel kecker Witz in den anderen Nummern. Nach Belieben klingt diese Stimme mal fokussiert, mal weiträumig, ihre große Tragfähigkeit bei aller klanglichen Vielfalt verhilft Kozena zu einer darstellerischen Präsenz, die ihr Spiel allein vielleicht nicht hätte; ihre expressive Intensität ist nicht unbedingt komödiantisch. Wie man im Vergleich mit Jean-Paul Fouchécourt als Ouf erkennt - allein dessen erster Auftritt ist eine Lachnummer ersten Ranges: Begleitet von ein paar niedlichen Bläsern macht sich der kleine Mann mit der hohen, leicht meckernden Stimme als großer König wichtig. Später, nach dem Genuss der verschiedenfarbigen Chartreuses, geht er Hand in Hand mit seinem Astrologen in den Hintergrund, und der Anblick erinnert an Jan Josef Liefers und Til Schweiger in "Knocking on Heaven's Door", wenn sie sich zum Sterben an den Strand setzen.

Dale Duesing hat das Stück inszeniert; er versetzt es in ein Hotel mit Lobby und Fahrstuhlschacht, sein Ouf ist ein kleiner Diktator im brauner Uniform, sein Lazuli ein Straßenkind mit Kapuzenpullover. Was an Deutung in Bühnenbild und Kostümen steckt, ist nicht allzu weitreichend, kaum erkennbar ist, ob Duesing uns damit eigentlich etwas sagen will. Von Haus aus Sänger im schweren Baritonfach, vermag Duesing die Figuren einigermaßen sicher über die Bühne zu führen. Da ist nichts peinlich, und die Pointen werden stilsicher gesetzt - es gab in der Staatsoper ausgiebig Grund zum Lachen. Gewiss kann man sich das Bühnengeschehen abwechslungsreicher, beweglicher, mitreißender vorstellen. Dass etwa der von Eberhard Friedrich einstudierte und ungemein farbig singende Chor die fröhliche Beweglichkeit des Anfangsbildes im weiteren Verlauf nicht mehr übertrifft, spricht nicht unbedingt für die Inszenierung.

Aber es spricht wiederum für Chabrier und die Qualität der musikalischen Darstellung, dass die Leerstellen der Inszenierung kein Problem für die Aufführung darstellen. "L'étoile" ist ein musiktheatralisches Vergnügen, dessen Niveau in Berlin seinesgleichen nicht hat. Darauf einen grünen Chartreuse!
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 18, 2010 08:48PM
...and some more reviews from this wonderful evening ...


Ein neurotischer König ist der Astrologie verfallen. Er hat Spaß an Exekutionen und Jungfrauen und liebt grünen Kräuterlikör. Oft zotig, manchmal vulgär, slapstickt sich der kleine kecke König zwei Stunden lang durch ein Stück, vor dem besorgte Tugendwächter einst warnten, es sei "nicht geeignet für Betschwestern". Sei's drum - das Regieteam von "L'Étoile" hat die Offenbacheske, schwarzhumorige Opera buffa als frivole Slapstickkomödie in einer Hotellounge angesiedelt. In der kommen und gehen Menschen, futtern Fingerfood oder fummeln im Fahrstuhl. Doch die Sterne lügen, es kommt zu Irrungen und Wirrungen. Und bietet vor allem den Gesangssolistinnen, die das schwache Öperchen adeln, viel Gelegenheit zu kokettem Koloraturgezwitscher. Simon Rattle jagt durch die Partitur, achtet dabei akribisch auf präzise, zackige Rhythmik - lässt die Staatskapelle auch mal elegisch schmachten und seufzen. Er begleitet sängerfreundlich all die Couplets, die der Rattle-Gattin Kozena viel Gelegenheit geben, jungenhaften Charme und ihren wohltimbrierten Mezzosopran zu präsentieren.

FTD-Bewertung: 3von 5 Punkten

Dagmar Zurek in FTD - 17.05.2010



Köstliche Petitesse in Starbesetzung: Chabriers „L’Etoile“ an der Berliner Staatsoper

Ganz ohne Wagner geht es offenbar an Daniel Barenboims Haus nicht, selbst bei einer seltenen Operette: Zur offenen Verwandlung in den zweiten Akt von „L’Etoile“ erklingt nicht nur Emmanuel Chabriers Zwischenspiel, sondern auch eine entsprechend orchestrierte Bearbeitung seiner Quadrille „Souvenir de Munich“, in der Chabrier seine „Tristan“-Eindrücke tänzerisch verarbeitet.

Während das Staatsopernpublikum die Hirtenweise aus dem dritten Akt offenbar nicht gleich wiedererkennt, erfolgt ein Schmunzeln beim wiederholten, rhythmisch schwungvoll veränderten Beginn des Liebestodes. Dann allerdings bricht die Quadrille ab, wohl weil deren hinreißendes Ende, das Finale des ersten „Tristan“-Aufzuges als Cancan, von der nachfolgend fortgesetzten „Etoile“-Partitur selbst nicht zu toppen ist.

Tatsächlich konnte sich der 1841 geborene Emmanuel Chabrier als bekennender Wagnerianer leichter als seine Komponistenkollegen aus dem Dunstkreis des Bayreuther Meisters befreien. Seine 1878 am Théatre des Buffes-Parisiennes, der Triumphstätte Offenbachs uraufgeführte Opéra bouffe en trois actes brachte es daselbst auf 48 Aufführungen (was damals wenig war) und erlebte ein knappes Jahr später im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater Berlin, dem heutigen Deutschen Theater, ihre deutsche Erstaufführung. Nachdem es dann lange eher still war um diese Operette der besonderen Art, erlebt sie seit einigen Jahren zahlreiche Wiederaufführungen, nun auch erstmals an der Staatsoper Berlin.

Hatte Catulle Mendes, der Ehemann von Wagners Geliebter Judith Gautier, Chabrier mit „Gwendoline“ ein Libretto beschert, welches fast ausschließlich mit Wagnerschen Topoi arbeitet, so ist das skurril-witzige Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo frei von solchen erschwerenden Vorlagen und antizipiert deutlich Alfred Jarrys „König Ubu“. Hier heißt der König Ouf, und der will täglich an seinem Geburtstag zur Volksbelustigung eine Exekution durchführen, findet aber keinen Aufständischen. Daher erwählt er den fremden Hausierer Lazuli, welcher ihn, als unerkannten lästigen Frager, ohrfeigt. Lazuli soll gepfählt werden. Der aber hat sich in eine vorgeblich verheiratete Frau verliebt, die realiter die Prinzessin Laoula und für König Ouf bestimmt ist. Da der königliche Astrologe Sirico prognostiziert, dass Ouf laut Horoskop einen Tag nach Lazuli sterben werde, findet die Hinrichtung nicht statt. Im Gegenteil: Lazuli wird im Palast verwöhnt, flieht aber und scheint ertrunken, taucht dann doch wieder auf und erhält schließlich auch seine Geliebte. Das Sternbild hat ihn gerettet.

Diese durch allerlei Verwicklungen zwischen Diplomatie einerseits und Ouf und seinem Astrologen andererseits zusätzlich verwirrte Geschichte hat Chabrier in adäquat witzige Musik getaucht, die ihrerseits mit Zitaten und Absurditäten ein musikalisches Spiel treibt. Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ist ein Garant für die zündende Interpretation von Witz und Ironie, und die bestens aufgelegte Staatskapelle wirkt auch szenisch mit: während eines Dialogs im ersten Akt stehen alle Instrumentalisten auf, wenden sich zum Bühnengeschehen und reagieren zweimal mit dem Ausruf „Oh!“.

Durchaus gekonnt und auf Pointen setzend, siedelt die Inszenierung des amerikanischen Sängers und Regisseurs Dale Duesing die Sterne-Story heute in einem zweistöckigen Hotel mit dem Lichtschriftzug-Namen „L’Etoile“ als Einheitsspielort an (Ausstattung Boris Kudlicka und Kaspar Glarner).

Prominent und erstklassig ist die Sängerbesetzung: Magdalena Kožená in der Hosenrolle des verliebten, durch Pfählung bedrohten Lazuli, Juanita Lascarro als feministisch selbstbewusste Prinzessin Laoula, deren Stimmen sich mit Stella Doufexis als Diplomatenfrau Aloès, welche mit Tapoica, (Florian Hoffmann), einem Mitarbeiter ihres Gatten (Douglas Nasravi) fremd geht, auch zu einem herrlichen, erotischen Stöhnduett der Paare fügen. Hinreißende Rollenstudien bieten der Bariton Giovanni Furlanetto als Astrologe Siroco, dessen Überleben per Dekret an das Leben des Königs gebunden ist und der kleine, quirlige Tenor Jean-Paul Fouchécourt, der sich als skurriler König Ouf singend und spielend sein Publikum erobert. Der präzise singende und Chabriers tänzerische Pointen körperlich exakt umsetzende Chor der Staatsoper (Einstudierung: Eberhard Friedrich) tun ein Übriges für eine Top-Produktion.

Und dennoch, trotz aller Perfektion und Spielfreude, hinterlässt die letzte Premiere im Haus der Staatsoper, vor dem Umzug ins interimistisch zum Opernhaus hergerichtete Schiller-Theater, schräg gegenüber von der Deutschen Oper Berlin, einen zwiespältigen Eindruck. Und dies hängt offenbar zusammen mit der Topik des Ortes. In der Staatsoper Unter den Linden wird Chabriers Komik ernst genommen, wird seine komödiantische Partitur hochwertig aufbereitet und obendrein mit Starglanz aufpoliert, – aber theatralisch gesehen gehört diese köstliche Petitesse mit ihren gesprochenen Dialogen nicht in die Staats-, sondern in die Komische Oper, auch wenn die Besucher dort auf den brillanten Klang des französischen Originals verzichten müssten.

Das Staatsopernpublikum war anfangs durchaus irritiert, und so verließen mehrere Besucher während der knapp zweistündigen, pausenlosen Aufführung den Saal. Am Ende aber goutierten die Premierenbesucher das, was groß und teuer ist, mit entsprechendem Zuspruch.

Peter P. Pachl in nmz - 17.05.2010



Simon Rattle beschwipst Berlin

Witz, wo ist dein Stachel?


Mit einer funkelnd doppelbödigen Offenbachiade von Emmanuel Chabriers gibt Sir Simon Rattle seinen Einstand als Premierendirigent an der Lindenoper. „Ganz Berlin“ war gekommen, um sich zur Abwechslung einmal von der leichten Muse bezaubern zu lassen.

Uff, seufzt der kleine Mann mit dem leichten Spieltenor, während das Orchester seinen Auftritt mit ein paar dünnen Bläsergirlanden kommentiert, die sich wie müde Luftschlangen um seine Worte ringeln: „Ouf der Erste, ich bin's, der König!“ - und schon geht der Musik wieder der Atem aus. Doch hinter der weinerlichen Fassade dieses lächerlichen Herrschers steckt ein Monstrum an Selbstbezogenheit. Ouf I. mischt sich nämlich inkognito unter sein Volk, um letzte Vorbereitungen für seine Geburtstagsfeier zu treffen, die wie jedes Jahr mit einem öffentlichen Hinrichtungsspektakel begangen werden soll. Ein großer Plüschthron, der sich als Foltersessel entpuppt, wird in zärtlichsten Tönen gepriesen. Nur eines fehlt noch: ein Delinquent, weshalb der König in diesem Jahr bedauerlicherweise gezwungen sein wird, „einen Freiwilligen zu ernennen“.

Verflixterweise scheinen die Sterne das Schicksal des auserwählten jungen Lazuli jedoch aufs Fatalste mit denen des Königs und seines Hofastrologen Siroco verknüpft zu haben. Den hat Ouf in seinem Testament mit der „Ehre“ bedacht, ihm eine Viertelstunde nach seinem Tod ins Grab zu folgen. Denn Sirocos Prophezeiungen deuten darauf hin, dass der König bereits eine Minute nach dem Tod des Delinquenten Lazuli dahinscheiden werde.

Nach allen Regeln der Buffa-Kunst

Sir Simon Rattle hat sich an der Berliner Staatsoper Unter den Linden für Emmanuel Chabriers 1877 komponierte Opéra bouffe „L'Étoile“ starkgemacht und gibt mit der funkelnd doppelbödigen Offenbachiade am Pult der Staatskapelle seinen Einstand als Premierendirigent an dem Haus. Diese letzte Produktion der Spielzeit sollte wohl eine rauschende Abschiedsvorstellung vor dem Umzug ins Schillertheater abgeben. „Ganz Berlin“ war gekommen, um sich in der Staatsoper zur Abwechslung einmal von der leichten Muse bezaubern zu lassen. Das Stück nach einem Libretto von Eugène Leterrier und Albert Vanloo gibt das unbedingt her: ein kunstvoll instrumentierter, von schwarzem Humor getragener „Wurf“, der den aufsässigen Operettentonfall mit hinreißend komischen „Tristan“-Zitaten und Donizetti-Parodien mischt. Regie führt der Bariton Dale Duesing, der sich ganz auf die Situationskomik des Werks und auf das Darstellungstalent eines trefflich besetzten Ensembles stützt.

Rattles Ehefrau Magdalena Kozená wirft sich mit Verve und sopranistischer Leichtigkeit in die Hosenrolle des Filous Lazuli, dessen Leben durch das Horoskop eine beglückende Wendung erfährt, da Ouf I. (den Jean-Paul Fouchécourt nach allen Regeln der Buffa-Kunst darstellt) aus ureigenem Interesse fortan auf das Fürsorglichste um sein leibliches Wohlergehen bemüht ist. Zu diesem Zweck überlässt der König ihm sogar die schöne Prinzessin Laoula (auf Deutsch: „hier oder dort“), der Juanita Lascarro warmes Soprantimbre schenkt. Auch Giovanni Furlanetto in der Basspartie des Siroco und Douglas Nasrawi als Fürst Hérisson de Porc Épic (Tenorbuffo) gelingen überzeugende Charakterisierungen.

Lust an der Entgrenzung

Wenn der Abend dennoch bloß eine eher gediegen beschwipste Sekt-, denn überschäumende Champagnerstimmung erzeugte, so lag das zum einen an dem etwas einfallslosen Setting der makabren Geschichte in einem spießigen Mittelklassehotel (Bühnenbild von Boris Kudlicka), zum anderen aber auch an Rattles zwar subtiler, doch allzu leidenschaftsloser Interpretation dieser packenden Partitur. Rattle begeht nicht den Fehler, das vermeintlich Leichte nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil: Er deutet auf jede der zahlreichen kompositorischen Finessen nachdrücklich hin. Aber gerade dadurch entfaltet das Stück so viel Wirkung wie ein Witz, den man nachträglich erklärt.

Dabei müsste diese Musik getragen werden von einer gewissen Lust an der Entgrenzung. Müsste sich atemlos von einer Nummer in die nächste stürzen, ohne deshalb über dem alles grundierenden Sarkasmus die durchaus ernst gemeinten Töne der Liebe und der Verzweiflung zu denunzieren. Statt in ein Lachen getrieben zu werden, das einem im Halse stecken bleibt, lehnt man sich in Berlin kennerhaft schmunzelnd zurück. So verliert das Stück seinen Stachel. Aber vielleicht war der Abend so gemeint?

Julia Spinola in Frankfurter Allgemeine (FAZ) - 18.05.2010



Blitzen aus dem Orchestergraben
Emmanuel Chabriers "L'étoile" an der Lindenoper in Berlin


Aus dem Orchestergraben blitzte und funkelte es, Trompeten schmetterten, Piccoloflöten trillerten - so viel Schmiss war in der Staatsoper selten. Simon Rattle hatte die dunkel-warm klingende Staatskapelle in eine ebenso spritzig wie gekonnt ordinär klingende französische Opéra-comique verwandelt.

Ein kluger Schachzug, mit der ersten Premiere bei der Konkurrenz nicht mit dem Hausherrn ins Gehege kommen zu wollen, und statt der von Barenboim präferierten saftigen Opernschinken à la Wagner oder Verdi lieber einen leichten Champagner zu wählen.

Rattle konnte und hat es knallen lassen - hat gezeigt, dass Chabriers Witz, Charme und Verve mühelos mit Offenbach mithalten können, dass er ihn an Raffinesse und orchestraler Farbigkeit vielleicht sogar überbietet - ohne an Schärfe zu verlieren. Und nicht nur das Orchester ließ sich willig in diesen Strudel aus Klamauk und Sinnlichkeit hineinziehen - auch alle Sänger. Juanita Lascarro als charmant-kindliche Prinzessin, Stella Doufexis als ihre erotisch abgebrühte Kameradin und auch Magdalena Kozena in einer wunderbar passenden Hosenrolle als Prinz Lazuli - mit Chucks, Hut und aufgesetzter Lässigkeit wirkte sie wie einer der Hipster vom Prenzlauer Berg. Und ihr sehnsuchtsvoll-weiches Timbre war reizvoller Kontrast zu den hell-perlenden Stimmen der anderen.

Prinz Lazuli ist Konkurrent, Schicksal und Nebenbuhler von König Ouf I., dessen Braut er schließlich heiratet - um die absurd-komische Handlung auf ihren kleinsten Nenner zu bringen. Und mit Jean-Paul Fouchécour als König hat man sich ein wirkliches Unikat auf die Bühne geholt. Ein Nachfahre von Louis de Funès, wie es scheint - ebenso schrullig-cholerisch wie geltungssüchtig, und - wenn man einen Sinn für diese Art Komik hat - in seiner Art irrsinnig komisch. Und auch die anderen Darsteller waren alles andere als Pappkameraden - leider aber von der Regie größtenteils dazu verdonnert. Dale Duesing hat sich von dem Feuer aus dem Orchestergraben nicht anstecken lassen und es bei einigen netten Harmlosigkeiten belassen. "L'étoile" ist vom ersten bis zum letzten Takt von Erotik durchzogen, gesteigert bis zu Gruppensex und sadistischen Fantasien. Das Pariser Publikum vor 140 Jahren verlangte danach, und bitte so realitätsnah wie möglichst, je frivoler desto besser.

Es wäre von dieser Premiere an der Staatsoper bitter enttäuscht worden - erotisches Knistern gab es auf dem Niveau von Rosamunde Pilcher, Anzüglichkeiten nur weit über der Gürtellinie. Ebenso steril das Bühnenbild, eine Hotellobby mit dem Charme des Berliner Hauptbahnhofes.
Und zum letzten Mal erlebte das Publikum bei einer Premiere den Charme des sozialistischen Rokokos - ab dem Sommer wird die Staatsoper von Grund auf renoviert, Orchester und Oper ziehen ins Schillertheater.

Und so hätten die Schlussworte der entzückenden Opernklamotte nicht passender sein können - man sang: "Nehmen Sie doch Platz meine Herren, leisten Sie uns Gesellschaft!".

Mascha Drost in dradio.de - Kultur Heute - 18.05.2010 · 17:35 Uhr



MUSIKTHEATER: Satyrspiel zum Abschied
Chabriers „L'Étoile“ ist die vorläufig letzte Premiere Unter den Linden


BERLIN - Tschüss denn, altes Haus! – Man hätte ja gern noch ein letztes Glas Pausensekt im sozialistischen Post-Rokoko der Berliner Staatsoper geschlürft, das man nach der Generalsanierung in drei plus x Jahren wohl nicht mehr wiederfinden wird, allein: es gab gar keine Pause. Simon Rattle, der als Späteinflieger gerade noch vor Toresschluss sein Lindenopern-Debüt gab, dirigierte „L'Étoile“ knapp zwei Stunden straff und mit sichtlichem Vergnügen durch. Das unmittelbar zur Sache Gehende dieser – 1877 uraufgeführten und nach mehr als 100-jähriger Ruhe von John Eliot Gardiner neu ausgegrabenen – Operette von Emmanuel Chabrier, ihr post-offenbachsches Changieren zwischen bösem Sarkasmus, ironischer Klamotte und gefühliger Lyrik lagen ihm sichtlich.

Da stellte sich ein fließender, belebter Gesamtrhythmus her, der sogar die Dialoge mit einband – was freilich nicht ohne eine adäquate Szenenarbeit des Sänger-Regisseurs Dale Duesing möglich geworden wäre. Das modernistisch unterkühlte Hotellobby-Ambiente (in diesem Falle von Boris Kudlicka entworfen) hat man zwar inzwischen schon etwas zu oft gesehen, doch ansonsten entwickelte sich die absurde Handlung um die (mutmaßliche) astrologische Verknüpfung eines Herrscherschicksals mit dem eines Straßenhändlers, das beide in bizarrer Weise voneinander abhängig macht, mit flüssigem Witz. Gute Unterhaltung, ohne dass man dem Regisseur nun geradezu bescheinigen müsste, vor Originalität zu bersten. Er greift in gewohnte Kisten, aber das mit Geschmack.

Staatskapelle und Chor gaben sich bei diesem Satyrspiel abseits von Wagner oder Strauss deftig locker, und die Solistenriege war so gewählt, dass zuerst einmal vor allem die komödiantische Action funktionierte. Selbst wenn das Sängerische eher unauffällig durchlief wie im Falle des gut anzusehenden „Nebenpaares“ Stella Doufexis und Florian Hoffmann oder jener verstiegen-wirrköpfigen Diplomaten-Knalltüte, die Douglas Nasrawi brillant auf die Bühne stellte. Giovanni Furlanettos opportunistisch-wehleidiger Astrologe Siroco kam vielleicht etwas zu klamaukig, während Jean-Paul Fouchecourt seinem ebenso kurz geratenen wie eitel aufgeblasenen Operettenkönig Ouf I. auch einige tragische Untertöne mitgab, die dem Ganzen nicht schlecht anstanden.

Schließlich das Liebespaar, bei dem sich Juanita Lascarro als Prinzessin Laoula einfach mit teenagerhaftem Charme durchsang und -spielte, während die mit viel Spannung erwartete Magdalena Kožena sich als etwas heiklerer Fall erwies: Zwar passte sie gestisch wie kostümlich (Kaspar Glarner hatte hier einen besonders guten Blick fürs Mögliche) ganz entzückend in ihre Hosenrolle, aber sie ist nun einmal keine Komödiantin. So kam ihre Gestaltung wohl sehr intensiv, aber dabei – mit hörbaren Schwächen in den stimmlichen Randzonen – oft überzogen melodramatisch herüber. Eine stilistische Einseitigkeit, die durch das Vergnügen an ihrer anrührenden lyrischen Entfaltung in der Mittellage nicht ganz kompensiert werden konnte.

Gerald Felber in Märkische Allgemeine - 18.05.2010



An Operetta as Irreverent as Its Creator

BERLIN — The composer Emmanuel Chabrier was on close terms with Impressionistic painters, even appearing as a subject in Degas’s painting “L’Orchestre” and in two portraits by Manet. Among the writers he counted as friends was Paul Verlaine, who wrote texts for him to set to music. He was known and admired by leading French composers of his time. Above all, he was an ardent Wagnerian, who, in 1880, when nearly 40, gave up his job with a government ministry after attending a performance of “Tristan und Isolde.”

With credentials like these, Chabrier could have been part of the French avant-garde. But as the Berlin Staatsoper’s delightful new production of his frothy operetta “L’Étoile” (The Star) makes abundantly clear, inspiration for his own work came from another source: Jacques Offenbach. “L’Étoile” even had its premiere, in 1877, at Offenbach’s old stomping grounds, the Théâtre des Bouffes-Parisiens.

The libretto by Eugène Leterrier and Albert Vanloo neatly observes Offenbachian protocol, even opening, like Offenbach’s 1868 work “La Périchole,” with a scene in which a royal personage, King Ouf I, roams among his subjects incognito. He is looking for someone to execute publicly and his sights land on the peddler Lazuli. But his counselor, the astrologer Siroco, frantically informs the king that he is fated to die 24 hours after the death of Lazuli, whereupon Ouf reverses himself and becomes overly solicitous of Lazuli’s good health. He even promotes Lazuli’s blossoming romance with Laoula, who unbeknownst to Ouf, is Ouf’s intended bride, a princess from a nearby kingdom brought to him by the ambassador Hérisson de Porc-Epic.

Chabrier’s tuneful score behaves much like that of an Offenbach operetta, but with distinct differences. For one, the music is in a somewhat later style, with occasional adumbrations of Jules Massenet. And the balance between sentiment and zaniness is weighted a bit more toward the former. One of the most memorable pieces is a romantic quartet — double duet, really — for Laoula and Lazuli, on the one hand, and, on the other, Hérisson’s male secretary, Tapioca, who is making advances to Hérisson’s wife Aloès. To sweet music in a waltz meter, with a prominent solo cello, the couples extol the therapeutic value of kissing.

Yet, the only truly brilliant comic piece is a duet for Ouf and Siroco, sung in the mistaken belief that Lazuli has been shot and is lying at the bottom of a lake. As the two face death — Siroco believes his life will end 15 minutes after Ouf’s — they seek solace in the liqueur Chartreuse Verte. The duet has a wonderfully morose accompaniment for winds and an instrumental ritornello that communicates both pomposity and self-pity. But “L’Étoile” cannot be called a masterpiece. I’d definitely put it a notch below the best of Offenbach’s comedies, yet I don’t begrudge its current popularity. Among other places, it turned up in the New York City Opera’s truncated season, which ended last month.

And, with Simon Rattle in the pit, it offers much pleasure at the Staatsoper. The production by Dale Duesing, a prominent American baritone who has turned to stage direction, updates the drama by setting it in a pseudo-Art Deco hotel (sets by Boris Kudlicka) called L’Étoile, as proclaimed by a neon sign. (The operetta’s title derives from a song by Lazuli, though it presumably has astrological implications as well.) The hotel lobby’s hustle and bustle gets the operetta off to a spirited beginning: as the curtain rises, we see a couple apparently arriving for a tryst, another couple having a spat, girls in short black dresses (costumes by Kaspar Glarner) presumably there on business.

Mr. Duesing also makes a choice moment of the operetta’s climax as Ouf prepares to die. The tenor Jean-Paul Fouchécourt’s short stature proves a comic asset as the king puts on an enormous ermine-trimmed robe, mounts his throne chair and, with his court assembled around him, waits for ... nothing to happen.

Mr. Fouchécourt virtually owns the role of Ouf and sings with supple tone and stylistic assurance while adding a note of petulance to the king. Lazuli is actually a trouser role — a male character played by a female singer — and Magdalena Kozena’s light mezzo soprano and svelte appearance serve handsomely; there is even a moment when she charmingly recalls Mozart’s Cherubino, as doting women outfit Lazuli for new clothes. Juanita Lascarro turns in a nice performance as Laoula, though the part could be sung with more seductive delicacy, and Stella Doufexis brings an appealing mezzo to Aloès’s music. Giovanni Furlanetto sings with apt bluster as Siroco, with Douglas Nasrawi (Hérisson) and Florian Hoffmann (Tapioca) completing the lively ensemble.

Mr. Rattle leads an energetic performance that does not back away from the score’s more boisterous moments. After Act 1 of the three-act work (performed without intermission), he interprets Chabrier’s hilariously irreverent “Tristan” parody “Souvenirs de Munich.” Chabrier may have idolized “Tristan” but he could poke fun at it too, which probably says a lot about his personality.

GEORGE LOOMIS in The New York Times - 18.05.2010



Wunder gibt es immer wieder

OPERNPREMIERE Sir Simon Rattle dirigiert an der Staatsoper "L'étoile" von Emmanuel Chabrier, einem hierzulande unbekannten französischen Komponisten und Zeitgenossen von Verlaine und Manet

Wer die Oper liebt, ist Kummer gewohnt. Indisponierte Sänger, unmusikalische Regisseure, in Routine ergraute Dirigenten sind Alltag. Manchmal jedoch ereignet sich eine Art Wunder. Am Sonntag gab es in der Staatsoper ein solches. Als könnten sie es selbst nicht ganz fassen, standen am Ende Sir Simon Rattle, Jean-Paul Fouchécourt, Magdalena Kozena, Dale Duesing und viele andere vor dem Chor der Staatsoper, dankten dem Applaus, ein Lächeln des schieren Glücks im Gesicht.

Wunder dieser Art sind nicht das Ergebnis grandioser Einzelleistungen, sie kommen zustande durch glückliche Zufälle, durch das Zusammenspiel von Individuen, Talenten und Stimmungen, die sich vereinigen in einem flüchtigen Ereignis. Es ist das Ereignis der absoluten Kunst, das enthüllt, was hinter dem Werk, seiner Botschaft und auch seiner Aufführung steht, das also, was es selbst ist, abgesehen von seiner Bedeutung für andere. Plato hätte es die Idee genannt, und so gesehen hat sich die Staatsoper zum Ausklang der Saison und am Vorabend ihres Umzugs in das Provisorium des Schiller Theaters nichts weniger gegönnt als die Idee der Oper.

Natürlich war der Applaus einhellig und endlos, denn die Idee der Oper ist ganz einfach. Oper ist Unterhaltung, Musik, Tanz, Theater, und große Show. Emmanuel Chabrier verstand sich glänzend auf diese Kunst. Proust-Leser mögen seinen Namen kennen, in Deutschland ist seine Musik fast unbekannt.

Debussy, Ravel und Strawinsky haben ihn verehrt, er war befreundet mit Verlaine und Manet. Am 28. November 1877 wurde seine Oper "L'étoile" in Paris uraufgeführt, dort also, wo sich die Reichen und Eleganten der Belle Époque zu treffen pflegten. Es gefiel ihnen nicht schlecht, manche aber fanden seine Musik etwas seltsam.

Das ist sie wirklich, denn unter der Hülle zeittypischen Frohsinns steckt ein unvergleichliches Meisterstück. Man muss es nur so spielen, wie Rattle es vormacht - vom ersten Takt an: Es geht los im Schnellgalopp, und man spürt geradezu, wie die Staatskapelle losrennen möchte. Aber Rattle bremst auf ein sehr moderates Allegro herunter, und schon gewinnen die nur scheinbar trivialen Floskeln dieser Ouvertüre eine Kraft und innere Spannung, die während der ganzen zwei Stunden der Aufführung nie mehr nachlassen wird. Wie im Fieber rauschen die drei Akte ohne Pause vorbei, in ständigem Wechsel von Chansons, Ensembles, Tänzen, Chören und Dialogen. Ein atemloser Tanz rhythmischer und harmonischer Überraschungen im Orchester begleitet Singstimmen, deren Kunst allein ein abendfüllendes Vergnügen wäre. Magdalena Kozena in der Hosenrolle eines schnöseligen Pariser Straßenhändlers zählt zu den wichtigsten Liedinterpretinnen der Gegenwart, Jean-Paul Fouchécourt als komplett blödsinniger König Ouf I. steht am Höhepunkt seiner dritten Karriere: Er war Saxofonist, dann Dirigent, bevor er als Sänger barocker Opern mit so gut wie allen namhaften Ensembles für Alte Musik zusammengearbeitet hat. Dazu Stella Doufexis, gewissermaßen ausgeliehen von der Komischen Oper, wo sie jeweils die gewichtigsten Hauptrollen übernimmt.

Alles klingt ganz selbstverständlich, mal ordinär, meistens ironisch und grotesk, selten auch ein bisschen lyrisch, was an der Handlung liegt: eher eine Farce als eine Komödie um einen Fantasiekönig, der gern einen Delinquenten pfählen würde, von seinem Astrologen daran gehindert wird und die Prinzessin, die ihm versprochen wurde, auch nicht heiraten kann, weil der Straßenhändler sie kriegt. Es gibt kein Äquivalent im Deutschen für diese Art des bis zur Pornografie erotisierten Amüsiertheaters, und so hat sich Dale Duesing nicht herumgequält mit aktualisierenden Deutungen. Stattdessen hat er sich von dem Bühnenbildner Boris Kudlicka ungefähr die Eingangshalle des "Grand Western" an der Friedrichstraße nebenan nachbauen lassen, womit sich die Frage nach Ort und Zeit des Stücks erübrigt. Ebenso gut hätte Duesing selbst mitsingen können: als gefeierter Bassbariton bedient er im Hauptberuf praktisch das gesamte Opernrepertoire. Vielleicht ist das Wunder ja doch keines, sondern nur Musik für Musiker.

Ein atemloser Tanz rhythmischer und harmonischer Überraschungen

KLAUS HABLÜTZEL in taz - 18.05.2010




Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 20, 2010 11:17AM
* from "Welt" 19. 05. 2010

Die Leute wollen Hinrichtungen? Gebt ihnen Komödien!
Von Kai Luehrs-Kaiser

Simon Rattles erste Opernpremiere in Berlin

Immer wieder gelingt es der Berliner Staatsoper, die Chefs der anderen Orchester an ihr Premierenpult zu locken. Nach Claudio Abbado und Kent Nagano und noch vor Ingo Metzmacher war nun Simon Rattle an der Reihe. Nachdem er schon Unter den Linden mit seiner mezzosingenden Ehefrau Magdalena Kozena die alte "Pelléas"-Inszenierung von Ruth Berghaus aufgemöbelt hatte, fiel nun die Wahl der Gattin auf einen in Deutschland nur selten zu hörenden Leckerbissen: Emmanuel Chabriers Opéra bouffe "L'Etoile".

Dieser komische "Stern" verhilft einem tragischen Fall der Musikgeschichte wieder auf die Sprünge. Der Komponist starb mit 53 Jahren - enttäuscht, verarmt und nach aufzehrend langer Krankheit. Selbst sein Erstlingserfolg von 1877 wäre heute wohl vergessen, hätte sich der Dirigent John Eliot Gardiner nicht vielfach dafür eingesetzt.

Die Handlung um das schlimme, eigentlich orientalische Märchenreich des Königs Ouf I., der zur Gaudi seines Volkes jedes Jahr eine öffentliche Hinrichtung veranstaltet - was nun die Sterne zu verhindern drohen - lässt an kritischer Deftigkeit nichts zu wünschen übrig. Angesiedelt zwischen den "120 Tagen von Sodom" und "Frau Luna", fügt sich "L'Etoile" musikgeschichtlich in die Lücke zwischen Offenbach und Wagner. Die Suche nach den Leitmotiven dirigiert Rattle superb und süffig, pointiert wie selten, und die Staatskapelle klingt ebenmäßig und transparent.

Kurios nur, dass man ausgerechnet Magdalena Kozena vorwerfen könnte, dass sie die Tiefe nicht hat, dass auch die Spitzentöne ein wenig trocken klingen, und dass sie nicht breakdancen und beim Singen nicht niesen kann, wie das von ihr verlangt wird. In der Hosenrolle des dreckigen Straßenhändlers Lazuli bildet sie, dank Gold in der Mittelkehle, dennoch ein schillerndes Zentrum. Und im ersten Akt könnte sie jeden Jude-Law-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnen.

"L'Etoile" ist Ensemble-, kein Star-Theater, aber gerade die Anwesenheit von Stars sorgt dafür, dass bis in die letzten Reihen nach Typ gecastet wurde. Stella Doufexis als tüttelige Botschaftergattin hat man lange nicht so gelöst gesehen. Juanita Lascarro als Prinzessin Laoula gibt ihr orgelndes Staatsopern-Debüt, während weitere diplomatische Chargen am Start sind.

Komisches Epizentrum indes bleibt der hinreißende Jean-Paul Fouchécourt als König Ouf. Bekannt aus hundert Opern-Gesamtaufnahmen (aber zumeist als Kleindarsteller), nutzt er die Chance, indem er Pointen auf der Fingerspitze balanciert und seinen hühnchenhellen Tenorenkamm anschwellen lässt, dass man herausprustet im Parkett: eine royale Mixtur aus Gerhard Schröder und Louis de Funès. Erst er macht offensichtlich, wie nahe beide beieinander liegen.

Regisseur Dale Duesing, ein Bariton, der kaum noch singen kann, aber zur Rattle-Familie gehört, verfrachtet die Handlung ins "Hotel L'Etoile". Und lässt "Menschen im Hotel" spielen. Ein harmloser Trick, der zielsicher die Pointen freisetzt: Das gesamte Bühnenbild (Boris Kudlicka) ist ein Fahrstuhl, der langsam hoch- und hinunterfährt. Wie oft hier umgeräumt wird, auf dass alles wieder genau so aussieht wie im Bild zuvor - allein das ist manchen Lacher wert. Die Aufführung ist eine Wonne. Und der überfällige Höhepunkt einer eher schwachen Saison in der selbsternannten Opernhauptstadt Berlin.

Die Produktion sticht ein Fass an, aus dem noch ganz andere Weine fließen könnten. Wo bleibt Offenbachs "Ba-ta-Clan", wo Henri Christinés "Dédé" und "Phi-Phi"? Innerhalb der gestrengen Opern-Regiewelt, die sich für Nonsens zu fein dünkt, könnten diese Werke wie Therapeutika wirken.

* from "Frankfurter Rundschau", 19. 05. 2010

Chabriers "L´Etoile" an der Berliner Staatsoper
Narren im Hotel
Von Jürgen Otten

König Ouf I. ist in Nöten. Keiner da, der sich hinrichten lassen will. Dabei liebt sein Volk die Prozedur, bringt sie doch Abwechslung in die Lebenslangeweile. Doch gerade als alle schon enttäuscht den Heimweg antreten wollen, lockt das Schicksal den Hausierer Lazuli heran und direkt vor des Königs Nase. Und weil er, ohne zu wissen, wer vor ihm steht, die Regierung beleidigt und sogar dem Potentaten Ouf höchstselbst eine Maulschelle verabreicht, wird er zum Tode durch den Marterpfahl verurteilt.

Natürlich bleibt Lazuli am Leben. Schließlich ist es eine Opéra bouffe, in die er hineingeraten ist: "L´Etoile" von Emmanuel Chabrier auf das absurd-komische Libretto von Eugène Leterrier und Albert G. F. Vanloo. Eine Offenbachiade ganz nach dem Geschmack des französischen Publikums. Aber auch hochmögende Komponistenkollegen, vor allem Debussy und Ravel, waren vernarrt in die 1877 vollendete Oper.

Die letzte Premiere an der Berliner Staatsoper Unter den Linden vor ihrer Schließung wegen dreijähriger Sanierung ließ erkennen, warum das so war. Am Pult der Staatskapelle Berlin stand mit dem Chef der Berliner Philharmoniker Simon Rattle ein (Gast-)Dirigent, der das französische Repertoire hinreichend studiert hat und dessen Technik sich gerade für die Noblesse einer Partitur wie "L´Etoile" trefflich geeignet ist.

Rattle dirigiert diesem Chabrier-Opus gleichsam das Parfüm von der Haut und aus den Kleidern und rückt den Komponisten damit nah an Offenbachs Sarkasmus heran. Die Agogik ist atmend geweitet, das Schmissige kommt in pointierender Überzeichnung, aber deutlich aus dem Graben, und immer blinzelt diese Musik äußerst charmant und dezent federnd über die Schwächen derer hinweg, die in sie hineingeraten sind wie in ein groteskes Theaterstück.

Während der Chor der Staatsoper mit diesem flexiblem Dirigat mitunter seine liebe Mühe hat (die rhythmischen Wackler sind gleichwohl in naher Zukunft reparabel), scheint den Solisten diese humorvoll-variable Deutungsart zu liegen. Magdalena Kozená ist zwar äußerlich kaum wiederzuerkennen in der Hosenrolle als Lazuli, doch ihr leuchtender Mezzo lässt bald schon keinen Zweifel mehr daran aufkommen, dass sie wie erwartet die herausragende sängerische (und auch schauspielerische) Erscheinung dieses Abends ist.

Das Subjekt ihrer Anbetung, die Prinzessin Laoula, die sie als "La-Ou-La" gerne schmachtend zu verschlingen versucht, ist bei Sopranistin Juanita Lascarro in guten Händen; vielleicht klingt aber ihre lyrisch-warme Stimme hier und da eine Spur zu defensiv, um den leidenschaftlich glühenden Arabesken Magdalena Kozenás die gleiche Emphase entgegenzusetzen. Stella Doufexis als Aloès wiederum wünscht man trotz der bestechenden Clarté ihrer Stimme zuweilen eine etwas weniger metallisch kühle Legierung.

So viel zum starken Geschlecht. Und die Männer? Nun ja, Männer sind Toren, das ist eine alte Weisheit. Und so sind sie es eben auch hier: Den Spitzenplatz nimmt Jean-Paul Fouchécourt als Luis-de-Funès-Karikatur eines Königs ein, doch auch sein Hofastronom Siroco (bärig: Giovanni Furlanetto), der diplomatiesüchtige Fürst Porc Épic (Douglas Nasrawi) und sein Adlatus Tapioca (Florian Hoffmann) geben sich richtig Mühe, den Ehrenpreis von Narrhalla einzuheimsen.

Die Regie von Dale Duesing, der in Frankfurt Rossinis "Il viaggio a Reims" mit einigem Esprit inszeniert hatte, lässt sie sämtlich ein bisschen alleine sein auf der weiten Bühne von Boris Kudlicka, die, warum auch immer, ein Hotel darstellt. Zugegeben, er macht nicht wirklich etwas falsch. Eine zündende Idee aber hat Duesing auch nicht. Kurzum: Es empfiehlt sich, die Ohren weit zu öffnen.
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 20, 2010 11:41AM
... and again some more reviews:


Macht und Dummheit

Simon Rattle dirigierte erstmals eine Neuinszenierung an der Berliner Staatsoper: Emmanuel Chabriers groteske Opéra buffe "L'étoile". Während Chabrier in Frankreich höchste Wertschätzung genießt - Ravel und Debussy z.B. waren voll des Lobs über seine Werke - ist er in Deutschland nur sehr wenig bekannt. Ob diese Produktion daran etwas ändert?

Emmanuel Chabrier hatte eine Vorliebe für die Musik Richard Wagners und für grotesken Humor. Nach einem Besuch des "Tristan" in München, soll er gesagt haben, Wagner habe ihn getötet. Nachdem er seine Nase in die Werke dieses Giganten gesteckt habe, sei es verrückt, noch an das zu glauben, was er selbst geschrieben habe.
Mit grotesken Werken wie die Opera Bouffe "L'étoile" oder Liedern, die einem rosa Schweinchen oder einem fetten Truthahn gewidmet sind, schrieb sich Chabrier seinen Wagner von der Seele.

Eigentlich handelt die 1877 in Paris uraufgeführte Opera bouffe "L'étoile" vor allem davon, was alles nicht passiert. Eine Exekution findet nicht statt, ein verkleideter König kann nicht unerkannt bleiben, er kann auch nicht die ihm zugedachte Prinzessin heiraten, ein vermeintlicher Todesfall ist doch keiner, der zu erwartende Tod des Königs bleibt aus und ein Thronfolger wird nicht gezeugt. Die Liste liesse sich fortsetzen.
Wie jedes Jahr will König Ouf I. (gesprochen Uff) sein Volk zu seinem Namenstag mit einer öffentlichen Hinrichtung erfreuen. Da es aber gerade keinen Verbrecher im Königreich gibt, mischt sich Ouf inkognito unter sein Volk, um einen Delinquenten zur Majestätsbeleidigung zu provozieren. Doch Ouf hört nur Gutes über sich. Schließich findet er doch noch einen geeigneten Kandidaten. Einer kuriosen Vorhersage seines Hofastronomen Siroco (witzig: Giovanni Furlanetto) zufolge, ist jedoch des Königs Schicksal unausweichlich mit dem des für die Exekution Ausersehenen verknüpft, und so muß nicht nur die Hinrichtung abgeblasen werden, sondern ergeben sich auch noch allerhand weitere absurde Verstrickungen.

Das groteske Spiel um den trotteligen König Ouf - eine Parodie auf die nicht auszurottende Kombination von Macht und Dummheit - erinnert bereits stark an Alfred Jarrys absurdes Theaterstück Ubu Roi, das ja ebenfalls den Sprung auf die Opernbühne geschafft hat. Obwohl der Text von "L'étoile" durchaus zur Groteske tendiert, tut die Musik dies nur in Ausnahmefällen. Meist bleibt sie nur charmant und heiter. Daran ändert auch Simon Rattles sehr punktgenaues Musizieren nichts.
Gewiß, gibt es einige hübsche Gesangsnummern, vor allem für Rattles Ehefrau Magdalena Kozena als Lazuli (stimmlich zunächst etwas angespannt, dann aber mehr und mehr überzeugend) oder Juanita Lascarro als Laoula (mit beweglichem, ansprechendem Sopran). Auch Jean-Paul Fouchécourt in der Titelrolle blieb stimmlich ohne Fehl und Tadel. Aber letztlich fragte man sich am Ende der Veranstaltung, ob dieses Stück wirklich den prominent besetzten Aufwand wert war.
Zumal Dale Duesing, der neben bzw. nach seiner Gesangkarriere auch Regie führt, und seinem Bühnenbildner Boris Kudlicka nicht eben viel eingefallen ist, um der Opéra bouffe doch noch jenen Drive zu verpassen, den die Musik alleine nicht hat. Die Geschichte spielt bei ihnen in einer Art Art-Deco-Hotellobby, in der es recht munter wuselt. Operettenbetriebsamkeit eben, aber komisch ist das eben noch nicht. Es bleibt bei netten Harmlosigkeiten, manchmal auch Peinlichkeiten. So ist diese Aufführung eine leichte, frühlingslüftchenhafte Unterhaltung - mehr nicht.

Robert Jungwirth in klassikinfo.de - 18.05.2010



Frühkritik
Leuchten mit Unterbrechungen


Es war die letzte Premiere vor der Generalüberholung des Berliner Knobelsdorff-Baus. Und es war ein Debüt. Sir Simon Rattle stand nämlich das erste Mal am Pult der Lindenoper und ließ jetzt tatsächlich die heute nur noch selten gespielte, ziemlich verrückte Opéra bouffe «L’etoile» funkeln.

Mit diesem Stern bediente Emmanuel Chabrier 1877 in Paris die Unterhaltungserwartungen eines amüsierfreudigen Publikums, dem es auf der Bühne nicht flott, frech und frivol genug zugehen konnte. Diesen musikalischen Übermut, diese französische Leichtigkeit, die mehr die Operette als die Oper bedient, den vermag Rattle mit der Staatskapelle auch zu erzeugen. Wenn man sich dann während eines kurzen Orchesterzwischenspiels plötzlich in Wagners drittem Tristan-Akt wiederzufinden meint, dann ist die Staatskapelle nicht vom rechten französischen Weg abgekommen und im deutschen Unterholz gelandet. Rattle hat hier Chabriers «Souvenir de Munich-Poule» eingefügt, das dem erklärten Wagnerianer nach einem Besuch im Dunstkreis des Meisters aus der Feder geflossen war. Dieser augenzwinkernde Witz passt gut in die musikalische Ausgelassenheit, mit der sich Orchester, Chor und die Protagonisten der ziemlich verdrehten Geschichte annehmen.

Die Handlung des Librettos von Eugène Leterrier und Albert G. F. Vanloo ist ziemlich abstrus. Im Reich von König Ouf I. gibt’s als öffentliche Gaudi regelmäßig eine Hinrichtung, für die er sich freilich erst mal einen Delinquenten besorgen muss. Als der inkognito danach suchenden König den Straßenhändler Lazuli endlich dazu bringt, ihn zu ohrfeigen, dem deswegen kurzerhand zum Tode Verurteilten schon mal der besonders raffinierten Hinrichtungsapparat vorgeführt wird (ein Thronsessel mit einer Art Pfähleinrichtung), da platzt der Astrologe mit der Prophezeiung dazwischen, dass der König kurz nach dem Verurteilten sterben werde. Also wird Lazuli von nun an wie ein rohes Ei und als Staatsliebling behandelt. Dass er dann am Ende sogar die eigentlich für den König vorgesehene Prinzessin abbekommt und alles nach königlichem Besäufnis und einem wild eskalierenden Kondolenz-Cancan in einem Happyend mündet, versteht sich von selbst.

Da mit dem hinreißend quirligen Jean-Paul Fouchécourt als Ouf I. sozusagen der Luis de Funes der Oper am Start und Giovanni Furlanetto der Astrologe an seiner ist, Magdalena Kožená der Hosenrolle des Lazuli burschenhafte Gestalt und zunehmend standfeste Stimme verleiht, Juanita Lascarro als verführerisch kokette Prinzessin Laoula zur Verfügung steht und auch Stella Doufexis, Florian Hoffmann und Douglas Nasrewi die Lust am Übermut anzumerken ist, wären eigentlich alle Voraussetzungen gegeben, um aus dem stimmlichen Funkeln zum musikalischen Perlen aus dem Graben ein szenischen Feuerwerk zu zünden.

Doch da steht der regieführende Sänger Dale Duesing allzu sehr auf der Bremse, bietet biederes Beschäftigungs- Hin-und Her für Chor und Protagonisten, lässt zum musikalischen Rampenknaller nicht die Fetzen fliegen, sondern nur den Moccalöffel kreisen. In dem zweistöckigen, allzu mittelklassigen Bühnenhotel von Boris Kudlička und bei den Kostümen von Kaspar Glarner beherrschen eher die Sonderangebote aus der Klischeewühlteke das Bild. Auf der Bühne bleiben also die Tassen (leider) im Schrank und das bremst dann letztlich doch die Darsteller. Hier hätte es eines hemmungslosen und souveräner ausgespielten szenischen Blödsinns (vielleicht a la Nigel Lovery) bedurft. So leuchtet der Stern nur mit Unterbrechungen, wie die Leuchtschrift an der Hotelfassade.

Joachim Lange in kultiversum.de



„Chabriers unglaublich farbenreiche, rhythmisch gepfefferte Partitur wird von der Staatskapelle unter den federnden Impulsen Simon Rattles zur Virtuosennummer geschmeidiger Flexibilität, und die Mitwirkung von Rattle-Gattin Magdalena Kocena in der Hosenrolle des Lazuli macht aus alldem ein lyrisches Familienfest. Die Personenregie Dale Duesings auf der adrett geordneten Bühne von Boris Kudlicka bedient präzise Witz und Komik von knapp zwei Stunden Länge, eleganter Slapstick und Frivolität entgehen nicht immer der Albernheit - stilles Lachen absolut ungefährlich, irgendein Anschluss an die Außenwelt garantiert ausgeschlossen: ein Ensemble brillant im Spielfieber.“

SZ vom 18.05.2010 - Wolfgang Schreiber



An evening of rare silliness

The days of the Staatsoper Berlin as we know it are numbered, and thank goodness. Chabrier's L'étoile was the house's last premiere before it is closed to be gutted and rebuilt from the ground up.

It was a rare event on many levels. French operetta is hardly standard fare at the Staatsoper. French repertoire seldom makes it to any of the city's opera houses, and Chabrier's light comedy is rarely heard anywhere. Simon Rattle does not often travel the 2km from the Philharmonie, where he works with the Berlin Philharmonic, to Daniel Barenboim's house. The last time was for repertoire performances of Pelléas et Mélisande two years ago. Then, as now, Magdalena Kozená, Rattle's wife, sang the main role.

L'étoile was Rattle's first new production at the Staatsoper. It was added to the programme at his specific wish, and Kozená took the role of Lazuli, itinerant salesman and suitor of Princess Laoula.

Why? L'étoile is a rarity, droll, clever and extremely silly - not the kind of thing the Staatsoper tends to favour. With singer Dale Duesing directing and an all-star cast, this was clearly a conscious move away from the house staples.

The absurd plot of L'étoile traces King Ouf I's successive failures. He fails to find a victim for a festive execution, fails to die, fails to marry the princess, and takes it all with good humour. Jean-Paul Fouchécourt rightly won the lion's share of the laughs in the title role. He only has to raise an eyebrow to have the audience in stitches.

Duesing's production is fast-paced and slick. Boris Kudlicka's sets and Kaspar Glarner's costumes place the action in a hotel lobby somewhere around the time of the Cuban missile crisis. King Ouf is a tinpot dictator, with subjects too superficial to care much about politics. It is harmlessly entertaining, and the opening-night audience was amused.

Accustomed to Barenboim and Wagner, the Staatskapelle orchestra tends towards loud and heavy. Rattle did not seem hell-bent on dissuading them, concentrating instead on witty phrasing and bold colours. It was a fair compromise, creating the illusion of levity through effervescence.

Kozená was not on top form, sounding more strained the higher she sang. Juanita Lascarro and Stella Doufexis made up for it as Princess Laoula and her loyal friend Aloès, both sparkling and polished.

All of them were eclipsed by the 120 children of Berlin's depressed outer suburb of Lichtenberg, who had performed their own version of the opera - after a year of hard work - 10 days earlier on the adjacent rehearsal stage under the title Sternzeit . The professionalism was breathtaking. For the Staatsoper, this was an achievement that should outlast all the turbulence of the coming renovation.

By Shirley Apthorp in Financial Times UK - Ft.com



Nonsens in Champagnerlaune

Berlin. Das war für mindestens drei Jahre die letzte Premiere in der Staatsoper Unter den Linden: Als Rausschmeißer diente eine launige, hochkarätig besetzte, vergessene Operette mit Offenbach-Schmiss.

Das bestdotierte unter den immer noch drei Berliner Opernhäusern macht vom Juni an dicht für eine dreijährige Sanierungszeit für wohl 150 Millionen Euro und gastiert derweil im ebenfalls gründlich umgerüsteten leerstehenden Schiller-Theater. Jürgen Flimm und Daniel Barenboim kann das aber nicht schrecken, sie haben fürs erste Umzugsjahr einen gut gemischten Ersatzspielplan vorgelegt, inklusive eines neuen "Rings".

Zum Abschied vom vorne und hinten, oben und unten in dem seit seinem Fake-Wiederaufbau von 1955 marod gewordenen Stammhaus holte man Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner-Konkurrenz. Der ließ es, orchestral und sängerisch brillant von der ersten bis zur schon nach knapp zwei Stunden erklingenden letzten Note, gut sein mit einer aparten Petitesse aus dem Paris des späten 19. Jahrhunderts.

Emmanuel Chabriers "Létoile" ist eher eine Sternschnuppe als ein Fixstern am Horizont der Operngeschichte. Chabrier ist hierzulande eigentlich nur bekannt im Unterhaltungsmusikprogramm mit einer schmissigen-folkloristischen "Rhapsodie Espana". Seine Opéra bouffe kam 1877 in Paris heraus und wurde nur 1878 und 1909 in Berlin an der Komischen Oper gespielt. Seitdem ist diese durchaus reizvolle Sternen-Operette, die in allem sehr an Jacques Offenbach erinnert, in Deutschland nicht mehr zu hören gewesen.

Chabrier war zu seiner Zeit ein geschätzter Amateur-Komponist, ein Wagner-Verehrer, der wie später Ravel und Debussy gläsern-atmosphärische Klangfarben von den mit ihm befreundeten impressionistischen Malern adaptierte. Er balanciert das immer federleicht zwischen Lyrik und absichtsvoll etwas hohl tönender Dramatik aus. Letztlich ist es aus dem Geist der Romantik, mondän abgeschmeckt und knapp an der Salon-Musik vorbeischrammelnd. Aber auch Berlioz ist nicht weit - französisch eben, also rhythmisch-schwungvoll und nie pathetisch. Da zwitschert dann auch mal grell die Soloflöte in Septen-Ketten. Und in der Harmonik exotisch Pentatonisches gibt der meisterlichen Partitur einen ganz eigenen Zauber.

Das ist es, was Rattle gereizt haben muss, die von der Handlung her nicht so berauschende Kurz-Operette auf den Prüfstand der elastisch reagierenden Berliner Staatskapelle zu setzen. Es fängt verheißungsvoll absurd an: Alljährlich will König Ouf I. sein Volk anlässlich seines Geburtstages mit einer Hinrichtung erfreuen, doch niemand lässt sich eine dafür nötige Majestätsbeleidigung entlocken, so dass er sich inkognito unter die Leute mischt, um gewaltsam einen Delinquenten aufzuspüren. Die Geschichte geht leider nicht ähnlich verwegen weiter, sondern erschöpft sich in faden diplomatischen Liebes-Wirrnissen, bis ein unverhofft auftauchender Straßenverkäufer den Joker spielt.

Dieser Straßenjunge ist eine Hosenrolle, in die ohne Starallüren Rattle-Gattin Magdalena Kozena mit wundermild warmem Mezzo-Timbre schlüpft. Auch alle anderen sind in Dale Duesings niedlich neckischer Opa-Inszenierung sehr gut bei Stimme und schwenken auch gerne mal und stets frontal zum Publikum das Musical-Bein. Das abgründig Surreale der hintersinnigen Vorlage aber wird so glatt verschenkt. Umso eleganter perlt und sprudelt die witzige Musik.

Christoph Müller in Südwest Presse - 20.05.2010



Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 24, 2010 12:43PM
The Staatsoper Berlin has added a videotrailer of L'Etoile to their website. It is about 6 minutes long and can be found here:

[www.staatsoper-berlin.de]

Enjoy and do not miss the last two performances on 27th and 30th.


Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 27, 2010 09:19AM
* from "HNA"

Sir Simon Rattle dirigiert die Operette „L’ Étoile“ von Emmanuel Chabrier an der Staatsoper Berlin
Federleicht schwingt nur die Musik

Berlin. „Nicht für Betschwestern, spröde alte Jungfern und Hypermoralisten“ gemacht sei Emmanuel Chabriers Operette „L’ Étoile“. So hieß es nach deren Uraufführung 1877. Sondern etwas „für Menschen mit hohem intellektuellen und erotischen Unterhaltungsbedürfnis“. Oh, là là! Schade, dass das Programmheft mehr verheißt, als die uninspirierte Inszenierung an der Berliner Staatsoper vermuten lässt.
Opernburleske: Juanita Lascarro (Prinzessin Laoula, von links), Magdalena Kozená (Lazuli), Jean-Paul Fouchécourt (König Ouf). Foto:  dpa

Im Mittelpunkt der melodienreichen, temperamentvollen Opéra bouffe vom „Engel des schrägen Humors“ aus der Auvergne steht ein neurotischer Herrscher namens Ouf (was sich anhört wie Uff). Der denkt hauptsächlich an Exekutionen und Jungfrauen und lässt sich von seinem Astrologen Siroco die Sterne deuten.

Es ist die letzte Premiere an der Staatsoper, szenisch kaum besser als eine konzertante Aufführung eingerichtet vom amerikanischen Bass Dale Duesing. Hauptsächlich als Sänger ist er sonst unterwegs, etwa in Simon Rattles „Ring“-Zyklus in Aix-en-Provence und Salzburg. Der rührige Philharmoniker-Chef hat die Operette ausgegraben und dirigiert das komisch-absurde Opus schwungvoll und transparent.

Natürlich mit seiner Gattin, Mezzosopranistin Magdalena Kozená, die die „Romanze an den Stern“ singt. In der Haupt- und Hosenrolle des Straßenhändlers Lazuli sorgt ihre bewegliche Stimme, die etwas an Tiefe vermissen lässt, für kraftvolle Eleganz in den höchsten Tönen. Übertrumpft wird sie durch die pointierten Töne Königs Ouf I., den Jean-Paul Fouchécourt prima über die Rampe bringt.

Alles klingt federleicht und mühelos, wie es sein soll, nur die extrem fantasielose Inszenierung der spritzigen Opernburleske wiegt bleischwer. Aus dem geistlosen, hundertmal gesehenen Hotel-Einheits-Ambiente mit blinkender Neon-Aufschrift „L’ Étoile“ (Bühne: Boris Kudlicka) gähnt szenische Langeweile. Unterstützt durch nichts sagende Kostüme, wie sie für sämtliche Aufführungen zwischen Salzburg und Berlin vorgestern tauglich erschienen. Das Publikum dankt mit heftigem Applaus - warum auch immer. Der einhellige Jubel für die Musik erscheint hingegen verdient.

Im Juni schließt sich der Vorhang Unter den Linden nun für drei Jahre der Sanierung. Am 3. Oktober beginnt die Interimszeit im Schillertheater, wenn „Metanoia“ von Jens Joneleit und Christoph Schlingensief uraufgeführt wird. Dann wird wieder Daniel Barenboim am Pult stehen.

Wieder heute und am 30. Mai. Karten: Tel. 030/ 20354555, www.staatsoper-berlin.de

Von Andrea Hilgenstock
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 27, 2010 11:07AM
... and two more reviews ...


Berlin, Staatsoper: „L’ÉTOILE“-Premiere als rasanter Abschied, 16.05.10

Opern-Ausgrabungen haben in Berlin Tradition, und nicht selten ergibt sich der Eindruck, dass manches wohl zu Recht in der Versenkung verschwand. Anders ist es nun bei „L’ÉTOILE“ von Emmanuel Chabrier, einem Stück, das 1877 in Paris uraufgeführt wurde Mit dieser letzten Premiere vor der renovierungsbedingten Schließung des Hauses erntet die Staatsoper einen großen, intensiv bejubelten Erfolg. Und der hat viele Väter.

Denn keine Tragödie hat man sich für das Adieu ausgewählt, sondern ein Werk, das nur so strotzt vor Munterkeit, Sarkasmus und schwarzem Humor, der auch heutzutage angebracht wäre. Keine große Oper ist es, sondern eine Operette mit französischem Esprit, eine Perle aus dem Genre der Opéra comique, die sich hier blank geputzt präsentiert.

Schon das Libretto von Eugène Leterrier und Albert G. F. Vanloo ist bizarr Einmal im Jahr bietet der kleine König Ouf I seinem Volk als Amüsement (!) eine öffentliche Hinrichtung. Doch diesmal fehlt es an einem Übeltäter. Also mischt er sich verkleidet unters Volk, um einen solchen zu entdecken, beispielsweise einen Regimekritiker. Den findet er schließlich in dem hübschen Straßenhändler Lazuli, der sich gerade in eine angeblich verheiratete Schöne namens Laoula verliebt hat, deshalb schlechter Laune ist und den lästigen Fremden alsbald ohrfeigt.

Der König gibt sich zu erkennen. Dennoch wird auf Rat des Astrologen Siroco die Hinrichtung abgesagt, verkünden doch die Sterne, dass Ouf selbst 12 Stunden nach Lazuli sterben müsse. Fortan wird der Hausierer im Schloss nach Strich und Faden verwöhnt.

Der Wirrwarr geht weiter, denn die scheinbar mit dem Diplomaten Fürst Herisson de Porc-Epic verheiratete Laoula ist eine Prinzessin und soll des kleinen Königs Gemahlin werden, was sie aber nicht ahnt.

In einer vierköpfigen Delegation, bestehend auch aus echten Diplomaten-Gattin Aloès und seinem Sekretär Tapioca, reist sie inkognito. Schon diese Namen triefen vor Ironie, und entsprechende Verwicklungen sind damit bereits angedeutet. Mit spritzigen, teils auch melodramatischen Schattierungen, voll von musikalischen Aha-Effekten, gibt der glühende Wagnerianer Chabrier der turbulenten Story jedoch einen eher an Jacques Offenbach orientierten musikalischen Rahmen.

Die kunstvoll gearbeitete, durchaus anspruchsvolle Partitur ist diesmal bei Sir Simon Rattle – auch das ist eine Staatsopern-Premiere – in besten Händen. Unter seiner Stabführung spielt die Staatskapelle Berlin viel duftiger und pointierter, als es sonst oft der Fall ist. Zuverlässig wie immer der Staatsopernchor unter Eberhard Friedrich.

Zudem sorgt ein opulentes, mitunter raffiniert rotierendes Bühnenbild von Boris Kudlička, fein ausgeleuchtet von Olaf Winter, für Staunen. Tatort ist ein Pariser Hotel namens L’ETOILE, auf Deutsch „Der Stern“.

Die aparten Kostüme von Kaspar Glarner und vor allem die fantasievolle, Slapstick gesättigte Inszenierung des amerikanischen Sängers (!) Dale Duesing versetzen das Publikum alsbald in gute Laune. Mit spürbar steigendem Interesse verfolgt es die Verwicklungen, die sich in zwei pausenlosen Stunden in dieser Hotelhalle abspielen.

Mittelpunkt ist ein Buffo-Paar vom Feinsten: der König als echte Witzfigur, von Jean-Paul Fouchécourt mit hellem Tenor gesungen, und sein Astrologe Siroco (Giovanni Furlanetto). Beide sind komödiantische Sonderklasse und im Stück auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden, soll doch der Sterndeuter ¼ Std. nach dem Tod des Königs das Zeitliche segnen. Eine Situation, aus der beide immer wieder groteske Funken schlagen.

Magdalena Kožená in der teils auch Kurz-Hosenrolle des Straßenhändlers Lazuli, bietet den beiden mit ihrem glockenreinen Mezzo, der nur im tiefen Bereich mitunter etwas schwächelt, jedoch gekonnt Paroli. Ihr zuzuhören ist ein Genuss, und diesem kessen „Bengel“ zuzuschauen, macht ebenfalls Spaß.

Mit der attraktiven jungen Kolumbianerin Juanita Lascarro ist auch die Partie der Prinzessin Laoula gesanglich und darstellerisch perfekt besetzt. Genau das gleich gilt für die schöne Stella Doufexis als echte Ehefrau des Gesandten (Douglas Nasrawi), dem die „Di-plo-ma-tie“ über alles geht. Mit einem Lied über das langweilige Eheleben versucht sie, die trauernde Laoula zu trösten, die herzzerreißend über ihren angeblich im See ertrunkenen Lover Lazuli weint.

Immer wieder setzen diese beiden Frauen dem Stück gesangliche Glanzlichter auf, harmonieren auch großartig in den Duetten. Und wenn Stella Doufexis den schüchternen Tapioca gekonnt verführt, hat das so richtig Pepp. Der junge Florian Hoffmann macht in dieser Partie auch gesanglich eine sehr gute Figur.

Zur verrückten Top-Szene gerät letztlich die Kräuterlikör-Orgie des Königs und seines Astrologen. Beide trinken sich nach Lazulis vermeintlichem Tod gehörig Mut für ihre wenigen verbleibenden Stunden an. In letzter Minute will König Ouf gar noch die Prinzessin ehelichen und ihr als Souvenir einen kleinen Ouf II vermachen. Das Publikum gluckst vor Vergnügen. Doch der Straßenhändler hat einen Schuss und den Sturz in den See überlebt, taucht wieder auf und kriegt nun doch noch seine Laoula und sie ihn.

Ende gut, alles gut. Im Stück sowieso und auch bei dieser letzten Staatsopern-Premiere vor dem Wechsel ins umgebaute ehemalige Schillertheater. Ein heller Stern am Berliner Opernhimmel, die wohl gelungenste Aufführung der bisherigen Saison. Donnernder Applaus belohnt alle Beteiligten, noch um einige Fon stärker ist er für Jean-Paul Fouchécourt und Magdalena Kožená, bekanntlich Rattles Ehefrau. Dessen Gastspiel an der Staatsoper sollte, so kündet es der intensive Beifall, keine Eintagsfliege bleiben.

Ursula Wiegand in "Der Neue Merker"



Emmanuel Chabriers "L’Etoile" an der Staatsoper Unter den Linden
Berliner Sterneküche


Musiktheatralisch hat Emmanuel Chabriers "L'Etoile" das Zeug zu einem Fixstern am Operettenhimmel von der Strahlkraft Offenbachs. Dennoch kennt das 1877 komponierte Meisterwerk schwarzen Opéra-bouffe-Humors kaum einer. In der laufenden Spielzeit aber geht "Der Stern" gleich viermal auf: über Genf und New York, sehr gelobt am Stadttheater Bielefeld und nun an der Berliner Staatsoper. Mit Sir Simon Rattle und Ehefrau Magdalena Kožena lockte ein Star-Gespann "tout Berlin" zum Premieren-Kehraus vor der mehrjährigen Umbau-Schließung des Hauses Unter den Linden.

Im Stück regieren bizarrer Witz und Aberwitz. Endlich hat König Ouf I. im allzu kecken Straßenhändler Lazuli das Opfer für seine allgeburtstägliche Lustbarkeit einer Pfählung gefunden. Da prophezeit sein Hofsterndeuter, dass dessen Tod noch am selben Tag auch Seiner Hoheit Ableben nach sich zöge. Um dieses fatale Sternenband entspinnt sich eine absurde Sketch-Parade um operettige Inkognitos, Liebeseskapaden und Staatsaktionen zwischen Todesbangen und einer schier verbotenen allgemeinen Lust an sexuellen Anzüglichkeiten oder promisken Zusprüchen.

Doch da hält just die Berliner Produktion brav den Stöpsel drauf. In Boris Kudlickas gediegenem Dreisterne-Hotel trimmt Sänger-Regisseur Dale Duesing den makabren Spaß nicht auf Tempo, Taumel, Travestie, sondern gefeilt-feine Situationskomik und elegante Singdarstellung des handverlesenen Ensembles. Am großartigsten, auch was die französischen gesprochenen Dialoge und Zwischentöne betrifft, macht das der Barockfach-Tenor Jean-Paul Fouchécourt als Politiker-Regent. Magdalena Koženas Totaleinsatz als smarter Lazuli im Mehrzad-Cicero-Look ließ etwas um den Zauber ihres wundervollen sanften Mezzos fürchten. Mittenmang die sich als Gattin (Stella Doufexis) des Gesandten (Douglas Nasrawi) ausgebende Heiratsprinzessin Laoula: bei Juanita Lascarro ein rassiges Sopran-Sternchen.

Sir Simon Rattle, Berlins Philharmoniker-Chef, am Pult der Barenboimschen Staatskapelle: Bemerkenswert, wie diese ihren dunkel-deutschen Klang für die Offenbachiade des Wagner-Verehrers Chabrier auflichtet. Bewundernswert, wie er weniger spontan und nonchalant als kunstverständig den frechen Esprit und die Finessen der Partitur funkeln lässt. Musikalisch ist das Hauptstadt-Sterneküche. Aber in Bielefeld war doch mehr knackfrischer Biss im Spiel.

Michael Beughold in "Neue Westfälische" - 27.05.2010


Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
August 11, 2010 10:57AM
Here is a review from Opera News (August 2010), issued by Metropolitan Opera in New York:


L'Étoile
BERLIN
Staatsoper Unter den Linden 5/16/10

In spring 2010, Berlin's Staatsoper bid a temporary au revoir to its beloved house on Unter den Linden with L'Étoile. The May 16 opening of Dale Duesing's staging of Emmanuel Chabrier's opéra bouffemarked the last new production before the company relocated to the Schiller Theater, which will be its provisional home for the next three seasons while the Theater Unter den Linden undergoes much needed renovation. The Staatsoper has announced an impressive lineup for the upcoming 2010–11 season, including the first two installments of Guy Cassier's Ring cycle and a world premiere from Jens Joneleit. Seen alongside these ambitious plans, L'Étoile seemed a low-key sendoff, although there has been an increase in interest in the Chabrier piece in recent years: Paris heard a new production of L'Étoile at the Opéra Comique in 2007, the Grand Théâtre in Geneva offered it in 2009, and Mark Lamos's 2001 Glimmerglass staging was revived for New York City Opera's spring 2010 season.

Duesing, the American baritone-turned-opera-director, provided a slick, Broadway-style production that was aestheticallyin keeping with the Staatsoper's other operetta stagings, such as Die Fledermaus and Die Lustige Witwe. The curious difference here was that the Staatsoper had recruited a surprising amount of world-class talent for a frivolous opéra bouffe that deploys many of the stock techniques of the operetta genre, including innumerable misunderstandings, mistaken identities, secret trysts and foreign diplomacy gone awry.

The outlandish plot of L'Étoile involves King Ouf, who is out hunting for a "volunteer" to be sacrificed for the king's birthday. He sets his sights on a lovesick youth named Lazuli. But when Ouf learns (from his astrologist) that his own fate is inextricably linked to Lazuli's, the king takes great pains to ensure that no harm comes to the youth. Eventually, Lazuli, fed up with the constant dotage and protection, attempts suicide, and Ouf unwittingly arranges for his fiancée, Princess Laoula, to elope with Lazuli. An intersecting plot involves a band of diplomats traveling incognito. They are led by ambassador Hérrison de Porc-Epic, whose wife Aloès, is having a bald-faced affair with her husband's secretary, Tapioca.

If this set-up is enough to make your head spin, Chabrier's elegant and harmonically rich score succeeds in tethering the work to humanity. The impeccable cast was a great help in bringing out the pathos and warmth.

Singing the buffoonish King Ouf was the impeccable French tenor Jean-Paul Fouchécourt. Witty and charming, he walked the line between silliness and elegance with his sweet, buttery voice and impressive sense of coming timing. He was most dazzling in Act III's "Duetto de la Chartreuse verte," wherein the king and his astrologer, Siroco (the solid if overly goofy Giovanni Furlanetto), drink themselves into a stupor in the mistaken belief that the king has only a few hours to live, after reports of Lazuli's death.

Colombian soprano Juanita Lascarro made Princess Laoula into an enchanting mix of innocence and sensuality. Her coloring was mostly brilliant but also had a soft-glowing, earthy quality. Stella Doufexis, as her fellow traveler Aloès, complimented Lascarro nicely with her commanding mezzo. Doufexis, an ensemble member at the Komische Oper down the road, sounded better than ever. Her singing is now more controlled and committed and has taken on an extra measure of incisive depth. (I wouldn't be surprised if the Staatsoper snatched her up when her contract at the Komische runs out.)

American tenor Douglas Nasrawi cut a fine figure as the cuckolded Porc-Épic, moving successively from pretension to irritation to indignation and (finally) indifference. Nasrawi seemed to model his performance on Fernando Rey in Buñuel's That Obscure Object of Desire. Tenor Florian Hoffmann, a much-utilized ensemble member, made the most of the small role of the disloyal Tapioca.

Magdalena Kožená made for a bluff, impertinent Lazuli. She swaggered defiantly and wooed tenderly throughout this low-lying trouser role. But Kožená is also capable of great lyrical sweetness, as evidenced by her devout rendition of "O petite étoile." In all, she brought to the role the same naturalness and honesty that characterized her Octavian in last season's revival of Der Rosenkavalier.

Presiding over the scaled-down orchestra was Kožená's husband, Simon Rattle, who made the tuneful score shimmer and sparkle. Despite the care and attention Rattle paid to Chabrier's clever orchestrations, the performance hardly persuaded one that L'Étoile was a masterpiece. The applause was respectful and polite for what was essentially an evening of light entertainment, albeit one executed by first-class talent.

A. J. GOLDMANN



Michael
Re: "L'Etoile" at Staatsoper Berlin
May 06, 2011 02:52PM
For everyone who missed the first performances of L'Etoile or even wants to come back, there are new chances to visit the Berliner Staatsoper (now situated in the Schillertheater) next December. There are 7 possibilities in the recently announced season 2011/12.

Here are all informations you need, including the photos and a video:

[www.staatsoper-berlin.de]


Michael
Sorry, only registered users may post in this forum.

Click here to login